Warum man mit Holz nie auf dem Holzweg ist

  • Für Engelbert Schrempf ist Holzbau die große Leidenschaft. Besonders die Planung von Dachausbauten hat es ihm angetan, gleichzeitig ist er Experte für Bauphysik.© Engelbert Schrempf
  • In der Dachlandschaft – im ländlichen wie im städtischen Raum – sieht Engelbert Schrempf großes Potenzial für Wohnraumverdichtung, das unbedingt genutzt werden sollte.© Graz Tourismus - Erwin Scheriau
  • Für den Laien ist es kaum zu glauben, aber die Dachform ist entscheidend. Schon jedes Grad Dachneigung und die Farbe der Deckung machen einen riesigen Unterschied.© 
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Von Architekten und Bauherren gerne als Sachverständiger konsultiert, zählt die Bauphysik zu seinen großen Stärken. Denn er hat dazu viel zu sagen. Und das tut er auch – als Normenexperte bei Austrian Standards und Vortragender für Holzbau und Bauphysik im deutschsprachigen Raum.

Von Barbara Jahn

Weiss: Herr Schrempf, woher rührt denn Ihre Leidenschaft für den Holzbau?

Engelbert Schrempf: Ich bin in der Werkstatt meines Großvaters, einem Wagnermeister, zwischen Sägespänen groß geworden. Die Werkstatt besteht leider nicht mehr, aber ich habe die alten Maschinen aus den 1920er Jahren übernommen und in meine eigene Werkstatt integriert. Nach dem Abschluss meiner Zimmerermeisterprüfung habe ich mich auf Bauphysik und Planung spezialisiert, wobei die Planung meine große Leidenschaft ist.      

Weiss: Warum widmen Sie sich gerade dem Dachausbau so intensiv?

Engelbert Schrempf: Wir haben in unserer Gegend sehr viele leerstehende Rohdachböden. Nachdem in den Tourismusgebieten die Grundstückspreise explodieren und vor allem für junge Menschen unerschwinglich geworden sind, werden tendenziell mehr Gebäude ausgebaut und zu Mehrfamilienhäusern umfunktioniert. Aber auch in den Städten ist das Potenzial groß, vielleicht sogar noch größer als im ländlichen Raum. Das liegt natürlich auch daran, dass es dort große Raumvolumen gibt, die man gut nützen kann, auch weil sie schon erschlossen sind. Meiner Meinung nach sollte man bestehende Strukturen unbedingt nutzen, bevor man neues Land verbaut. Der Holzbau eignet sich dafür geradezu optimal, weil er leicht ist, durch die hohe Vorfertigung sehr schnell umgesetzt werden kann und zudem wenig Feuchtigkeit einbringt. Als Holzbaumeister kann ich hier meine Expertise für die vorhandenen Tragwerke gut einbringen.  

Weiss: In welchem Aufgabenbereich engagieren Sie sich besonders?

Engelbert Schrempf: Neben eigenen Projekten in meiner Heimatregion und im urbanen Umfeld begleite ich viele Holzbaubetriebe, vor allem in bauphysikalischen Fragen bei Dachaufbauten. Die architektonische Planung überlasse ich gerne den Architekten, ich berate sie aber gerne in Sachen Wärme-, Feuchte- und Brandschutz auf Basis der gesetzlichen Grundlagen, am besten gleich in der Entwurfsphase, wenn das Projekt entsteht. Ich sehe mich mehr als Tragwerksplaner, der weiß, welche Teile belassen und welche entfernt werden sollen, vor allem in Hinblick auf Windsteifigkeit und Schneelasten. Die ästhetischen Fragen beantworten andere besser. Ich setze auf den guten Austausch mit den Architekten.

Weiss: Was zählt zu Ihren Schwerpunkten?    

Engelbert Schrempf: Ich biete Planung und Bauphysik als Dienstleistung an, damit man die gesetzlichen Anforderungen an die OIB- und EU-Richtlinien erfüllen kann. Der Schutz vor Feuchtigkeit ist dabei die größte Herausforderung, insbesondere Themen wie Konvektion und Diffusion, aber auch in Sachen Brandschutz unterstütze ich gerne. Das komplexe Kapitel Schallschutz greife ich nicht an, da es sich in der Sanierung kaum zufriedenstellend umsetzen lässt. Das Ergebnis entspricht selten den gesetzlichen Anforderungen. Das ist leider etwas, das man zur Kenntnis nehmen muss.

Weiss: Zusätzlich sind Sie Mitglied der Geschäftsführung von Holzbau Austria ...  

Engelbert Schrempf: Ja, ich bin Teil der vierköpfigen Geschäftsführung der Holzbau Austria – dem Bundesverband der Holzbaubetriebe – und bin dort zuständig für nationale Normen und Regelwerke.

Weiss: Wie haben Sie Ihr Programm entwickelt?

Engelbert Schrempf: Bei den Tragwerken gibt es viele Ähnlichkeiten in den Dimensionen. Im ersten Schritt muss man die Wärmedämmebene herstellen, um die vom Gesetzgeber geforderten Mindestwerte zu ermitteln – beim Dach muss der U-Wert mindestens 0,2 W/m2K betragen. Die Dämmstoffstärken fallen dabei ziemlich ähnlich aus, das heißt, mit einem gewissen „Dämmpaket“ kann man diesen U-Wert gut erreichen. Die darauffolgende Herausforderung ist der Feuchteschutz, unabhängig davon, welche Dämmung man einsetzt. Meist kommen mineralische oder natürliche Dämmstoffe wie Weichholzfaser oder Zellulose zum Einsatz. Diese Dämmstoffarten haben unterschiedliche Verhaltensweisen. Ein weiterer Faktor ist der Dachaufbau, der möglicherweise eine Barriere darstellt, was die Diffusionsfähigkeit von Aufbauten anbelangt. Ich habe dafür ein Vorbemessungstool entwickelt, mit dem man im Vorfeld schon beurteilen kann, ob das System funktionieren kann.

Weiss: Was sind denn die wichtigsten Parameter für eine Beurteilung?     

Engelbert Schrempf: Der größte Parameter ist die Dachform an sich, in Verbindung mit der Ausrichtung der Dachfläche. Ist das Dach mit 30 Grad nach Süden geneigt, ergeben sich sehr gute Rück- oder Austrocknungseffekte. Hier kann relativ wenig schiefgehen. Umgekehrt beispielsweise bei steilen Mansardendächern im urbanen Bereich, die sich mit 60 Grad nach Norden neigen, ist die Rücktrocknung sehr gering. Das könnte sehr schwierig werden, etwa was die Tauwasserbildung betrifft. Unter dem Strich kann man sagen, dass die Ausrichtung und die Dachform einen entscheidenden Einfluss haben. Als weiterer entscheidender Faktor kommt hinzu, welchen Dämmstoff man gewählt hat.

Weiss: Welche Möglichkeiten gibt es?    

Engelbert Schrempf: Mineralwolle eignet sich insofern gut, weil sie Feuchtigkeit relativ schnell austrocknen lässt, da sie nicht speichern kann. Zellulose hingegen wirkt sehr träge, wobei die Feuchtigkeit sehr lange braucht, um hier hindurch zu wandern; sie hat allerdings die positive Eigenschaft, dass sie das Holz schützt, indem sie die Feuchtigkeit anreichert, bevor sie es an das Holz weitergibt. In diesem Punkt übertrifft sie wiederum die Mineralwolle, weil sie als Feuchtepuffer agiert. Probleme kann es geben, wenn die Dämmstoff-stärke mehr als 300 Millimeter beträgt, da es zu einer ständigen Auffeuchtung kommt. Beide Systeme haben ihre Vorteile, aber man muss den Dämmstoff unbedingt mit dem gesamten Aufbau abstimmen. Wichtig ist auch, dass die luftdichte Ebene gewährleistet ist. Hier ist es von Vorteil, wenn ein ausgeglichener SD-Wert vorhanden ist, die Wasserdampf quivalente Luftschichtdicke mit der außenliegenden Luftschicht übereinstimmt, das bedeutet außen dichter als innen und Rücktrocknungspotenzial sicherstellen. Zum Fine Tuning gehört dann beispielsweise die Dachdeckung. Je dünkler sie ist, umso größer ist die Absorption und umso mehr wird die Energie am Dach gefördert.

Weiss: Wo liegen die größten Problemzonen?

Engelbert Schrempf: Diese liegen nicht in der Dämmung. Die größte Herausforderung ist das Bauzeit-Management. 30 Prozent der Bau- beziehungsweise Schimmelschäden entstehen aufgrund der Feuchtigkeit während der Bauphase. Mit den Estrich- und Putzarbeiten wird sehr viel Feuchte in einer sehr kurzen Zeitspanne eingebracht. Schließlich ist es die Aufgabe des Dämmstoffes, die Feuchtigkeit wieder zu kompensieren, damit diese nicht in die tragenden Holzbauteile eindringen kann. Unabdingbar ist eine intelligente Be- und Entlüftung. Wenn diese gut gemanagt wird, kann man ein gutes Drittel der Bauschäden von vornherein bereits vermeiden. Ist die Feuchtigkeit in die Bauteile eingedrungen, nützen auch die luftdichte Ebene und die Rücktrocknung nichts mehr.

Weiss: Ab wann macht ein Ausbau eines Rohdachbodens Sinn?

Engelbert Schrempf: Entscheidende Faktoren sind Möglichkeiten an Raumhöhe (mindestens 2,40 m) und die Erschließung. Zusätzlich braucht es ausreichende Belichtungsflächen, das sind mindestens 12 Prozent der Bodenfläche. Wenn diese Grundvoraussetzungen gegeben sind, kann jeder Dachboden ausgebaut werden.

Weiss: Befürworten Sie eher die Nutzung bestehender Strukturen?

Engelbert Schrempf: Wenn die vorhandene Tragstruktur die Statik einer Planung zulässt, bin ich unbedingt dafür, dass man bestehende Strukturen erhält. Man kann tragende Teile in den Raum integrieren oder man nutzt beispielsweise Fachwerke, die man auch optisch perfekt hervorheben kann. Ein wesentlicher Punkt dabei sind die Entsorgungskosten, die man sich durch die Weiternutzung eines intakten Systems ersparen kann. Holz kann ewig genutzt und muss nicht entsorgt werden, wenn es immer trocken gehalten wurde und gleichzeitig tragfähig bleibt. Es ist immer eine Frage der Konstruktion, die dafür sorgt, dass Holz trocken bleibt.

Weiss: Ist für Sie der Holzbau die Bauweise der Zukunft?

Engelbert Schrempf: Ohne jeden Zweifel. Für mich ist Holz der Baustoff der nächsten Generationen, ohne den es nicht mehr gehen wird. Insbesondere, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, denn Holz speichert im verbauten Zustand CO2. Insofern ist der Holzbau eine ökologische Notwendigkeit. Zudem ist Holz in unseren Regionen immer schon das herkömmliche Baumaterial gewesen. Es gibt großartige Förderungen für den Holzbau, und nicht zu vergessen die kurzen Transportwege.

Weiss: Was ist Holz für Sie persönlich?

Engelbert Schrempf: Da Holz ein Vielfaches seines Eigengewichts tragen kann, vergleiche ich es gerne mit einer Ameise.

 

PERSON

Engelbert Schrempf M.Sc.

  • geboren 1981 in Schladming
  • Fachschule für Land- und Forstwirtschaft
  • Zimmererlehre mit Gesellen-Abschluss
  • HTL Hallein für Bautechnik und Hochbau
  • Holzbaumeister | Zimmermeister
  • Kunstuniversität Linz für Holzbauarchitektur und Tragwerksplanung

Engelbert Schrempf M.Sc.
Planung | Koordination | Bauphysik
Tutterstraße 192, 8970 Schladming
office@holzbau-schrempf.at
www.holzbau-schrempf.at