Interview Arch. DI Ute Neugebauer: Die Kraft des Holzes

  • Architektin Ute Neugebauer www.arch-neugebauer.at© Uwe Neugebauer
  • Das achtgeschoßige Holzhochhaus für die Brucker Wohnbau- und Siedlungsvereinigung in Bruck an der Mur ist einer der höchsten Holzbauten, der rein für Wohnzwecke errichtet wird.© DI Uwe Neugebauer (Porträt), Neugebauer Architektur ZT GmbH
  • Die Zukunft des Bauens ist leicht
    Die Zukunft des Bauens ist leicht
    Weitere Infos: www.baugenial.at© 

Sie hat mit WEISS über ihre persönliche Sicht der Dinge, über Herausforderungen und Zukunft des Wohnbaus gesprochen.

Von Barbara Jahn

Weiss: Sie sind bei diesem Projekt der Architektur-Partner von Brucker Wohnbau. Ist das Ihre erste Zusammenarbeit?  

Ute Neugebauer: Wir blicken mittlerweile auf eine langjährige, wertschätzende Architekturpartnerschaft mit der Brucker Wohnbau zurück. Basierend auf gegenseitigem Vertrauen, konstanter Qualität und nachhaltiger Architektur, können in der Region zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt werden.        

Weiss: Holzbau hat ja gerade in der Steiermark eine besondere Tradition. Ein Holzhochhaus ist aber dann doch eine neue Herausforderung. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Ute Neugebauer: Mit den beiden Wohnbauprojekten in der Bahnhofstraße befinden wir uns knapp unter 22 Meter Fluchtniveau und somit unter der definierten Hochhausgrenze. Dennoch gilt es in Bezug auf Brandschutz, Schallschutz und Statik einige Herausforderungen zu meistern. In puncto Brandschutz haben wir beim Acht-Geschoßer gewissermaßen Neuland betreten – das geplante Wohnhaus mit acht oberirdischen und einem unterirdischen Geschoß soll in wesentlichen Teilen in Massivholz errichtet werden. Das bedeutet, dass oberirdisch sowohl brandabschnittsbildende Bauteile als auch Trennbauteile in Massivholz errichtet werden. Gebäude in Holzbauweise mit acht oberirdischen Geschoßen finden in den OIB-Richtlinien bis dato noch keine Berücksichtigung. Die Statik muss sowohl die zweithöchste Erdbebengefahrenzone in den Griff bekommen als auch Sonderdetaillösungen im Bereich der Verbindungsmittel entwickeln, da der Acht-Geschoßer mit maximal möglichen Sichtholzflächen an Wänden und Decken umgesetzt wird. 

Weiss: Auf welche Weise verknüpfen Sie die Architektur mit dem Ort, an dem sie steht?

Ute Neugebauer: Nicht nur die Verknüpfung mit dem Ort spielt für uns eine große Rolle in der Architektur, mindestens ebenso wichtig ist die Beziehung zu Nutzern, Zeit(-geist) und Funktion. Erst wenn alle Parameter vereint sind, kann ein qualitativ ansprechendes, nachhaltiges Projekt entstehen.   

Weiss: Sehen Sie diese Art des Bauens – Holz + Hochhaus – als Zukunftsmodell oder mehr als singuläres Pilotprojekt?    

Ute Neugebauer: Bauen mit nachwachsenden Ressourcen muss ein Zukunftsmodell sein. Wir engagieren uns daher sehr, unsere Bauherrn und Projektpartner, aber auch die ausführenden Firmen dafür zu gewinnen, mit uns gemeinsam zukunftsweisende, nachhaltige Architektur umzusetzen. 

Weiss: Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit in der Architektur?   

Ute Neugebauer: Unser Büro verschreibt sich mit dem Denkansatz Architektur 4.0 einer breitgefächerten Nachhaltigkeit – ein Denkansatz, der Mensch und Natur einen Mehrwert bringen soll, aus dem beide Seiten eine Win-win-Situation lukrieren. Durch sorgsamen Umgang mit Ressourcen, mit der Nutzung und nicht Ausnutzung der Umwelt, wollen wir uns, unseren Kindern und der Natur eine positive Zukunft ermöglichen. Als Instrumente dazu wollen wir nachhaltig, das heißt energie- und ressourcenschonend, unseren Planungsprozess organisieren. Den ganzheitlichen Ansatz eines nachhaltigen Handelns sehen wir auch durch den bewussten Einsatz von Materialien mit einer optimalen Gebrauchsqualität. Abgestimmte, anpassbare und entwicklungsfähige Konzepte erhöhen die Nutzungsdauer von Objekten und tragen so zu einem geringeren Verbrauch der Flächenressourcen bei. Mit diesen zwei Wohnbauprojekten erhalten wir die Chance, unseren Denkansatz auch in der Region umzusetzen. Wir möchten zeigen, dass gelebte Nachhaltigkeit in kleineren Städten wie Bruck an der Mur kein Widerspruch ist und mit dem Willen aller Projektbeteiligten nachhaltiger, qualitativer und leistbarer Wohnraum geschaffen werden kann.      

Weiss: Es ist ja immer wieder viel die Rede von Mega-Cities. Wie wird sich der Wohnbau Ihrer Meinung nach entwickeln?      

Ute Neugebauer: Wohnbau nimmt seit jeher gesellschaftliche Entwicklungen auf und muss für diese Lösungsansätze bieten. Vermutlich wird dem Wohnbau künftig noch mehr Flexibilität abverlangt – zeitlich begrenzte Nutzungskonzepte ­werden an Bedeutung gewinnen. Der Wohnbau wird als Rückzugsort – sei es gewollt oder wie aktuell durch die COVID-19-Pandemie erzwungen – seinen Stellenwert beibehalten. Umso wichtiger erscheint es, die Bewohner in Teilbereichen stärker einzubinden. Diese Beteiligung wird den Wohnbau in Zukunft besonders beeinflussen. Ebenso werden die Verfügbarkeiten von Ressourcen – vom Baugrund bis zum Baumaterial – ein zentrales Thema bei der Entwicklung von Wohnbau und Stadtquartieren sein. Durch individuelle Lösungsansätze soll der Mensch wieder in den Mittelpunkt rücken und so eine gesteigerte Identifikation, Funktionalität, Harmonie und Wohlbefinden erzielt werden.Neue Erlebniswelten, kombiniert mit Funktionalität schaffen attraktive Raumerlebnisse, die anziehen.