Brückenschlag zwischen Kulturen

  • Kleine Bauaufgabe mit großer Wirkung:
    Kleine Bauaufgabe mit großer Wirkung:
    Die neue EFEO-Bibliothek vereint japanische Bautradition mit moderner Technik und übersetzt Resilienzkriterien in eine gebaute Realität.© Â© Mikan Architects
  • Ein Gebäude – zwei Gesichter:
    Ein Gebäude – zwei Gesichter:
    Für die dreigeschoßige Straßenfassade wurden elektrochrome Gläser von Saint-Gobain SAGEGLASS verwendet. Diese lassen sich je nach Lichtintensität automatisch oder manuell tönen und reduzieren so den Energieverbrauch für Kühlung und Beleuchtung.© Â© Mikan Architects
  • Eingangsbereich und Stiegenaufgang repräsentieren die japanische Bautradition. © Â© Mikan Architects
  • Sichtachse aus dem Leseraum im Dachgeschoß Richtung öffentlicher Straße. © Â© Mikan Architects
  • Der Lese- und Arbeitsraum liegt abgeschieden direkt unter dem Dach und besticht mit seiner klaren Formensprache und ruhigen Atmosphäre.© Â© Mikan Architects

Der Neubau auf einem extrem schmalen und dreiseitig mit Bestandsgebäuden gerahmten Grundstück vereint traditionelle japanische Baukultur mit nachhaltiger Technik. Dabei demonstriert die neue Bibliothek beispielhaft die planerische und bauliche Übersetzung von Resilienzkriterien in ein architektonisches Gestaltungsprinzip – nicht zuletzt auch durch den großflächigen Einsatz modernster High-Tech-Verglasungen.    

Die École Française d’Extrême-Orient (EFEO) ist ein französisches Institut zur Erforschung asiatischer Kulturen und Regionen, das im Jahr 1901 im japanischen Hanoi gegründet wurde. Seit Ende der 1960er Jahre unterhält die EFEO auch ein Zentrum in Kyoto, das sich auf die Geistes- und Sozialwissenschaften in Japan spezialisiert hat. Der Entwurf für den Neubau der EFEO-Bibliothek im Kyotoer Stadtteil Sakyö-ku ist einerseits geprägt durch das für die Planung und Ausführung höchst anspruchsvolle städtebauliche Umfeld des Bauplatzes auf einer engen, langgestreckten Parzelle mit benachbarten Wohnbauten an drei der vier Grundstücksgrenzen. Auf der anderen Seite verlangte auch der kulturelle Kontext nach einer präzisen und ebenso zurückhaltenden architektonischen Antwort.

Auftraggeber für den Bibliotheksneubau ist das EFEO-Zentrum in Kyoto mit der Zielsetzung, eine leistungsfähige Forschungsbibliothek für insgesamt rund 10.000 Bände zu schaffen, die sowohl den konservatorischen Anforderungen der historischen Schriften Rechnung trägt als auch in Hinblick auf die räumliche Struktur, Innenraumgestaltung und Lichtführung einem offenen und kommunikativen Bibliotheksbetrieb gerecht wird. Die Lösung ist ein Baukörper, der die gesamte Grundfläche nutzt und trotz der großen Gebäudetiefe strikt auf die Straßenfront ausgerichtet ist. Eine Verglasung, die sich über alle drei Geschoße und die gesamte Breite der Straßenfassade erstreckt, bildet innen wie außen das zentrale gestalterische Element und dient gleichzeitig als einzige nennenswerte natürliche Lichtquelle für die Innenräume.  

Spiel mit Ein- und Ausblicken

Die Lage der neuen Bibliothek in der schmalen, tiefen Baulücke stellte das beauftragte Planungsteam des Yokohama Architekturbüros Mikan unter der Pro­jektleitung von Manuel Tardits – französischer Architekt, Architekturprofessor und Mitbegründer von Mikan Architects – vor große Herausforderungen: Die Schaffung eines lichtdurchfluteten, kommunikativen Raumes – ohne die wertvollen historischen Bücher und Schriften zu gefährden. Die architektonische Antwort ist ein gestalterisches Konzept, das auf Ein- und Ausblicke setzt und Licht sowohl als physisches Element als auch als kulturelle Metapher versteht. So öffnet die dreigeschoßige Glaswand das Gebäude zur öffentlichen Straße hin und erlaubt den Passanten Einblicke in die Bibliothek, ohne die Privatsphäre der Nutzer*innen zu stören. Gleichzeitig steht die transparente Fassade auch symbolisch für die Offenheit der Forschung und den offenen Austausch zwischen unterschied­lichen Kulturen.

Architektonisches Rückgrat

Die Fertigstellung und Übergabe des Gebäudes ­wurde von einer traditionellen Jichinsai-Zeremonie begleitet, bei der die Ortsgötter um Schutz und Zustimmung gebeten wurden. Als Knotenpunkt für interkulturellen Austausch ist der neue Bibliotheksstandort in Kyoto Teil eines Netzwerks von insgesamt 18 EFEO-Zentren in Asien und Europa. Die Nutzung der Bibliothek beschränkt sich damit nicht nur auf Forschungstätigkeiten, sondern dient vielmehr auch der Vernetzung internationaler Wissenschaftler, Studierender und Interessierter. Das spiegelt sich auch in der Architektur wider.

Damit ist die Bibliothek mehr als nur ein funktionales Gebäude, sondern vor allem auch ein kulturelles Statement. Sie steht für einen Dialog zwischenfranzösischer Forschungstradition und japanischer Raumästhetik, die sich in der Materialwahl, der Raumorganisation und der symbolischen Inszenierung von Licht und Transparenz manifestieren.

Innen präsentiert sich die Bibliothek als offener, fließender Raum mit einer zentralen Treppe als gestalterisches Highlight. Die vertikale Struktur mit skulpturalem Charakter verbindet nicht nur die Geschoße, sondern schafft eine visuelle Achse, die das Gebäude in vertikaler Richtung durchzieht. Gleichzeitig dient sie auch als begehbares Bücherregal und ist damit als Ort der Bewegung sowohl funktionales Bauelement als auch Raum für Begegnung und der symbolischen Verbindung zwischen Wissenschaft und Architektur.

Reduzierte Materialwahl

Die Palette der verwendeten Materialien ist ganz bewusst reduziert: Holz, Sichtbeton und Glas bilden die Tragstruktur und Hülle und dominieren das Erscheinungsbild – sowohl von außen als auch im Innenbereich. Damit schaffen Mikan Architects ein ruhiges Erscheinungsbild und eine fast meditative Atmosphäre im Innenraum. Die Verwendung traditioneller japanischer Holzbaukonstruktionen drückt die Wertschätzung von Planer und Bauherren gegenüber der lokalen Handwerkskunst aus. Die Kombination mit modernster Technologie sorgt für maximalen Nutzer*innenkomfort und stellt den Bezug des Gebäudes zur Gegenwart her.

Ein wesentliches Element der modernen Bautechnik bildet die Straßenfassade mit ihrer elektrochromen Verglasung von SAGEGLASS, die in dieser Form erstmals in Japan in einem Bibliotheksbau eingesetzt wurde. Die vergleichsweise junge Technologie erlaubt die gezielte Steuerung der Transmission von Licht und Wärme. Das intelligente Glas passt sich automatisch der Sonneneinstrahlung an und reguliert über die Tönung der Gläser den Licht- und Wärmeeintrag ins Gebäude. Auf diese Weise kann das Tageslicht optimal genutzt werden, während gleichzeitig die empfindlichen Buchbestände vor UV-Einstrahlung geschützt sind. Darüber hinaus wird über die Steuerung der Gläser auch der Energiebedarf für die künstliche Beleuchtung sowie die Klimatisierung deutlich reduziert.

Aber nicht nur funktional überzeugt der Einsatz der elektrochromen Gläser: Die wechselnde Tönung der Fassade verleiht dem Gebäude eine lebendige Hülle und macht den Einfluss des Lichts sicht- und spürbar. Damit fügt sich die Technik nahtlos in die Architektur ein und ist wesentlicher Protagonist bei der Erfüllung des Nachhaltigkeitsgedankens und des ästhetischen Anspruchs, den es seitens des Bauherren zu erfüllen galt. Dafür wurde das Gebäude im Jahr 2014 auch mit dem internationalen Holcim Award für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet.

Technik, Kultur und Architektur im Einklang

Interpretiert man Resilienz als die Fähigkeit von Gebäuden sich wechselnden Bedingungen sowohl funktional als auch inhaltlich anzupassen, ist der Anspruch an ein resilientes Gebäude bei der neuen EFEO-Bibliothek gleich in mehrfacher Hinsicht ­erfüllt. In klimatischer Hinsicht reduzieren die elektrochromen Gläser die thermische Belastung und fangen die Spitzen der Sonneneinstrahlung ab. In Kombination mit der thermischen Trägheit des ­Betons und der kontrollierten Raumlüftung ist damit das Risiko der Überhitzung des Innenraums bzw. zu schneller Temperaturschwankungen, die nicht nur den Nutzer*innenkomfort herabsetzen, sondern auch die Buchbestände bedrohen, deutlich reduziert.

In Bezug auf die Nutzung erlaubt die vertikale ­Organisation des Gebäudes mit zentraler Erschließung unterschiedliche Nutzungsszenarien. Lesebereiche, Magazin, Begegnungszonen und Bibliothek lassen sich auch unabhängig voneinander bespielen. Selbst für eine gänzliche andere Nutzung des Gebäudes in Zukunft bieten die offen gehaltenen Raumfolgen ausreichend Entwicklungspotential. Unterstützt wird dieses durch die konstruktive Logik und die Beschränkung auf wenige Materialien, die spätere Umbauten oder räumliche Anpassungen ermöglichen – ohne umfassende Eingriffe in die bauliche Struktur oder die Gebäudehülle.

Resilienz zeigt das Gebäude aber auch in Hinblick auf Wartung und Instandhaltung: Der langlebige und robuste Beton sowie der konstruktive Schutz der Holzbauelemente reduzieren erheblich den Aufwand für die Instandhaltung des Gebäudes.     

FAKTEN:
Bibliothek der École Française d’Extrême-Orient (EFEO),

Kitashirakawa bettô-chô 29,
Sakyô-ku, 606-8276 Kyoto/Japan

Bauherrin: École Française d’Extrême-Orient, Kyoto/Japan
Architektur: Mikan Architects, Yokohama Kanagawa/Japan
Projektleitung:  Manuel Tardits
Tragstruktur: Holzständerbauweise mit lokaler Kitayama-Zeder
Bibliotheksbestand: EFEO-Bestand: 6.500 Bände zu Religionswissenschaften Asiens
ISEAS-Sammlung: 5.000 Bände
Saint-Gobain Lösungen: SAGEGLASS
Nutzfläche: 293 m²
Planungszeitraum: 2010 – 2014
Baubeginn: Juni 2013
Fertigstellung: März 2014
Auszeichnungen: Holcim-Award 2014

Saint-Gobain SageGlass: Intelligentes Glas für intelligente Gebäude.
Saint-Gobain SageGlass ist mehr als nur Glas – es ist ein dynamisches System, das sich aktiv an wechselnde Lichtverhältnisse anpasst. Als Weltmarktführer für elektrochromes Glas verbindet Saint-Gobain SageGlass Technologie mit Architektur und schafft Räume mit optimalem Komfort und Energieeffizienz.