Interview Stefan Diez: Zu Ende denken

  • Stefan Diez, Industrial Designer
    Stefan Diez, Industrial Designer
    © Â© Blickfänger
  • Jung, aber schon museumsreif.
    Jung, aber schon museumsreif.
    Stuhl 404 F von Thonet setzt auf Eiche statt Buche und folgt den traditionellen Prinzipien des Holzbiegens in einer neuen Interpretation.© Â© Hartig ; Thiel
  • Gemeinsam mit OMC°C und AHEC (American Hardwood Export Council) hat Stefan Diez das modulare und skalierbare Stadtbegrünungssystem Vert aus Roteiche entwickelt, das nicht nur Schatten spendet und Feinstaub bindet, sondern auch CO2 speichert, Artenvielfalt unterstützt und akustisch wirksam ist.© Â© Petr Krejci
  • Stadtbegrünungssystem Vert aus Roteiche
    Stadtbegrünungssystem Vert aus Roteiche
    © Â© Petr Krejci
  • Stadtbegrünungssystem Vert aus Roteiche
    Stadtbegrünungssystem Vert aus Roteiche
    © Â© Petr Krejci
  • 2021 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet, überzeugt Leuchte Ayno von Midgard, die ganz ohne Kleber und Schrauben auskommt, durch minimalen Materialeinsatz und Langlebigkeit.© Â© PETER FEHRENTZ
  • Stefan Diez in seiner Werkstatt© Â© Thomas Bach, Wilkhahn
  • Skizzen zum Stuhl Chassis für Wilkhahn© 
  • Als echter minimalistischer Verwandlungskünstler und absolutes Leichtgewicht präsentiert sich Stuhl Chassis für Wilkhahn, der mit einer austauschbaren Sitzschale ausgestattet ist, die wiederum mit unterschiedlichen Bezugsstoffen bezogen werden kann.© Â© Thomas Bach, Wilkhahn
  • Mit Dondola-Prinzip in Form eines 4D-Sitzgelenks für den Bürostuhl D1 Office von Wagner hat Stefan Diez das Sitzen neu erfunden.© Â© Wagner
  • Mit Costume für Magis hat er schließlich ein nachhaltiges Sofasystem mit abzieh- und waschbarem Bezug kreiert, das aus stabilem Recycling-Polypropylen besteht und durch den Einsatz von integrierten Taschenfedern die Verwendung von für die Umwelt problematischem Schaumstoff reduzieren lässt.© Â© Magis

Stefan Diez hat sich schon früh vom Mainstream abgenabelt oder – besser gesagt – ist auf diesen Zug gar nicht erst aufgesprungen. Schon bei seinen ersten Arbeiten spürt man, dass es bei ihm nicht um Trends geht, sondern vielmehr um das Eintauchen in eine Gestaltung, die die Zeit überdauert – in Hinblick auf Ästhetik, vor allem aber mit dem Anspruch, möglichst langlebig zu sein.
Von Barbara Jahn

Weiss: Was bedeutet für Sie das Wort „Resilienz“ – beim Entwerfen, Planen, Konstruieren, Bauen?

Stefan Diez: Resilienz heißt für mich zunächst Aushalten – das Aushalten von Widerständen, von Umwegen, von Lösungen, die noch nicht perfekt sind. Im Entwerfen begegnet man ständig dieser Spannung zwischen der Schwere des Prozesses und dem Wunsch nach Leichtigkeit im Ergebnis. Die größte Herausforderung ist, beides zu meistern: dem Unvermeidlichen standzuhalten und gleichzeitig die Überraschung, die Leichtigkeit und die Schönheit nicht zu verlieren. Am Ende muss all das Mühsame verschwunden sein – übrig bleibt ein Entwurf, der selbstverständlich wirkt, als hätte er nie einen Widerstand gekannt.

Weiss: Das Projekt „Vert“ in Zusammenarbeit mit AHEC, dem American Hardwood Export Council, geht weit über eigentliches Produktdesign hinaus – wie spannen Sie den Bogen? Denken Sie maßstablos?

Stefan Diez: Bei Vert geht es im Kern um Produktdesign – ein modulares Stadtbegrünungssystem, eine Raumstruktur, die wir von Grund auf neu entwickelt haben. Die größte Herausforderung lag dabei weniger im Entwurf selbst, sondern in der Zusammenarbeit mit den Ingenieuren. Uns fehlt auf beiden Seiten noch Erfahrung in diesem Miteinander, und ich würde sagen: Der architektonische Maßstab war für Vert eher hinderlich als hilfreich. Als Designer sind wir ein experimentelleres Vorgehen gewohnt – und es hat mich überrascht, wie schwer es war, diese Haltung im architektonischen Kontext beizubehalten. Gleichzeitig hat uns das Projekt viele wertvolle Erkenntnisse gebracht. Für mich bestätigt sich darin, dass im Gedanken „rethinking the elements of architecture“ ein sehr spannendes Feld für uns Designer liegt.

Weiss: Unter Ihrer Professur entwickeln Ihre Student*innen viele visionäre Denkmodelle, die nicht nur einzelne Dinge, sondern ganze Systeme verändern könnten, vielleicht sogar Lebensweisen. Was ist hier Ihr Anspruch und Ihr Ziel – einerseits, was Sie von ihnen erwarten, andererseits, was Sie ihnen mitgeben wollen?

Stefan Diez: Ich versuche Design als kulturelle Praxis zu vermitteln. Produkte des täglichen Bedarfs sind Teil unserer Kultur – sie spiegeln Gesellschaft wider und prägen unsere Lebensweise in einer Art Rückkopplung. Es geht mir darum, den Studierenden ein Denken in Systemen anzutrainieren, Prozesse zu verstehen und Verantwortung für Materialien, Herstellung und Nutzung zu übernehmen. Ich möchte Neugier, Offenheit und den Mut zum Experiment fördern – gerade auch das Aushalten von Unsicherheit, das im Entwerfen unvermeidbar ist. Ziel ist, dass sie lernen, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und daraus Lösungen zu entwickeln, die nicht nur funktional und nachhaltig, sondern auch kulturell relevant, überraschend und elegant wirken. Design soll für sie zu einer Haltung werden, die Architektur, Technik, Gesellschaft und Natur gleichermaßen mitdenkt. 

Weiss: Sie haben insgesamt zehn „Circular Design Guidelines“ formuliert. Wie dogmatisch sind Ihre selbst verfassten Grundsätze für Sie selbst als Designer? Schränken sie vielleicht sogar manchmal ein?  

Stefan Diez: Unsere „Design Guidelines“ sind ­keine Empfehlung, sondern der Maßstab, an dem ich unsere Arbeit messe. Wenn wir es nicht schaffen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, versuche ich zu verstehen, warum – und wie es besser gehen kann. Oft reicht es nicht, beim Produkt selbst stehen zu bleiben. Da sind wir im Design schon relativ weit gekommen. Die eigentlichen Herausforderungen liegen meist im Umfeld: in linearen Geschäftsmodellen, die einer echten Kreislaufwirtschaft, einem sparsamen Umgang mit Ressourcen und einem minimalen CO₂-Fußabdruck im Weg stehen. Wenn man das System verändern will, muss man verstehen, wer vom Status quo profitiert – und genau dort den Hebel ansetzen. In diesem Sinn sind unsere Grundsätze nicht dogmatisch, sondern eine Haltung, die uns zwingt, konsequent über das Produkt hinauszudenken.

Weiss: Vom Kleinen ins Große denken – was ist Ihre Vision?

Stefan Diez: Vom Kleinen ins Große zu denken heißt für mich, dass jedes Detail ein Abbild des Ganzen sein sollte. Ein Produkt ist nie nur ein Objekt – es steht immer in einem größeren Zusammenhang von Material, Herstellung, Nutzung und Wiederverwertung. Mein Anspruch ist, dass wir als Designer diesen Zusammenhang anerkennen und dann mit ­dieser Erkenntnis Systeme verändern: von linearen hin zu zirkulären Geschäftsmodellen, von isolierten Produkten hin zu kulturell relevanten Lösungen. Es beginnt beim präzisen Entwurf im Kleinen, entfaltet sich aber erst im Großen, wenn Design zu einer ­Haltung wird, die Wirtschaft, Gesellschaft und ­Umwelt gleichermaßen mitdenkt.

Weiss: Der Kaffeehausstuhl N° 14 von Thonet – würden Sie ihn heute so entwerfen?

Stefan Diez: „Der Kaffeehausstuhl N° 14 ist sicher einer der besten Stühle, die je entworfen wurden – man kann unglaublich viel von ihm lernen. Was ihn so besonders macht, ist seine Einfachheit: Er besteht aus heimischem Holz, kommt ohne Leim aus, ist langlebig und lässt sich gut reparieren. Vor über 150 Jahren war er zudem erschwinglich, heute gilt er als Luxus – vor allem wegen des enormen handwerklichen Aufwands. Für einen modernen Stuhl ist das aus meiner Sicht nicht tragbar. Ich halte auch nichts davon, dieses Dilemma durch eine Verlagerung der Produktion ins Ausland zu lösen. Das wäre ein Rezept für Denkfaulheit und kulturellen Stillstand. Viel interessanter ist es, den Ansatz von Grund auf neu zu denken und die Möglichkeiten der modernen Fertigung in den Entwurf zu integrieren. Insofern würde ich den N° 14 heute nicht einfach wiederholen.                                  

PERSON:
Stefan Diez, Industrial Designer

Aufgewachsen als vierte Generation einer Tischlerei-Dynastie, ließ sich auch Stefan Diez selbst erst einmal zum Schreiner ausbilden. Diese Jahre legten den Grund­stein für ein tiefes Verständnis für Material, Konstruktion und das Vermächtnis, etwas selbst und mit eigenen Dingen zu schaffen. Aus dem Gelernten reifte eine Überzeugung, die ihn seit den Jahren seiner Ausbildung zum Industrial Designer bei Richard Sapper an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und auch der Zusammenarbeit mit Konstantin Grcic als kreatives „Depot“ prägt. Eine Überzeugung, die er heute sowohl bei seiner Arbeit im eigenen Münchner Designstudio Diez Office lebt als auch an seine Student*innen an der Angewandten in Wien weitergibt. Stefan Diez liebt es zu testen und zu experimentieren, Dinge selbst zu erschließen und zu verstehen und sich Gedanken zu machen, wie es besser gemacht werden könnte – immer öfter, immer intensiver und immer engagierter unter dem Aspekt einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die das verschwenderische und ausbeuterische System durchbricht und eines Tages vielleicht „gesunden“ lässt. Sein kreativer Fokus liegt deshalb auf der Entwicklung von Produkten und Strukturen, die nach Ablauf ihrer Lebensdauer wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können, ohne Fragen nach dem „Wie“ offen zu lassen. Um das zu schaffen, muss man sich schon beim Entwurf Gedanken über Trennung der Bestandteile machen. Geht es nach Stefan Diez, so wird dieser Punkt zum Schlüssel für die Zukunft des Designs.