Gebäude wie Bäume denken
Was er immer mit dabei hat, ist sein besonderes Gespür für Ort und Zeit.Â
Juri Troy ist ein Denker. Vielleicht manchmal sogar ein Querdenker. Aber es gibt kaum Âetwas in der Architektur, über das er sich nicht tiefgründig den Kopf zerbricht. Weil er es ernst meint. 1972 in Bregenz als Sohn eines Steinmetzes geboren, ist er mit Gerüchen von Materialien und haptischen Erlebnissen groß geworden, wohl auch der Grund dafür, dass er selbst – neben Hochbau – eine Ausbildung zum Steinmetz absolvierte. Das Arbeiten mit Stein im Atelier des Vaters hat ihn stark geprägt. Doch neben dem Stein war es vor allem das Holz, das seine Aufmerksamkeit mehr und mehr erregte, eine „gewachsene Liebe“, die sich heute unmissverständlich in seiner Architektur widerspiegelt und wohl auf sein Aufwachsen in einem heute 240 Jahre alten Rheintal-Haus zurückgeht. „Ich bin gerade letzthin gefragt worden, wie und ob das mein Denken und Arbeiten beeinflusst hat. Ich glaube ganz ehrlich, wenn man mal über längere Zeit mit einem Material gearbeitet hat, verändert das nicht nur die Sichtweise auf das Material, sondern die Sichtweise auf das physische Handeln mit Material generell, weil es eigentlich immer um die grundlegenden Themen geht: Materialgerechtigkeit – um das Fügen, um die Eigenschaften von Materialien, wie ich es ausreizen kann, was möglich ist innerhalb eines Materials, aber auch innerhalb der Verbindungen von unterschiedlichen Materialien“, erzählt Juri Troy. „Ich glaube, der Unterschied ist mehr – zumindest bei den Architekten – ob sich jemand mal die Möglichkeit gegeben hat, tiefer in ein Material einzutauchen oder nicht. Welches Material es dann ist, ist für einen Architekten – glaube ich – gar nicht so wichtig, sondern einfach die Auseinandersetzung damit.“
Auf Sinnsuche
Selbstverständlich zählt auch für Juri Troy das Bauen mit Holz zu den nachhaltigen Methoden in der Architektur. Dogmatisch jedoch will er es nicht betrachten, denn seiner Meinung nach würden extreme Positionen in der Architekturentwicklung immer nur in Sackgassen führen. Vielmehr denkt er, dass Holz ein wahnsinnig cleverer Baustoff ist, dass er eine sehr lange Tradition hat, und dass Österreich in der glücklichen Lage ist, viel davon zu haben sowie gute Betriebe, die sich damit auskennen. „Das ist wirklich eine sehr prädestinierte Situation, und deswegen glaube ich auch, dass es absolut sinnvoll ist, mit Holz zu bauen. Das heißt aber nicht, dass man alles in Holz bauen muss. Auch bei uns nicht. Gewisse Dinge sind einfach sinnvoller, wenn man sie in anderen Materialien macht, allerdings immer wieder auf dieses Maß der Sinnhaftigkeit ausgelegt und balanciert. In anderen Gegenden ist es sowieso ganz anders. Dort, wo kein Wald wächst und es keine dementsprechende Tradition und Infrastruktur gibt, da macht es auch keinen Sinn.“ Schließlich würde dabei der Aspekt der Nachhaltigkeit komplett herausfallen. Juri Troy vertraut da viel mehr auf den menschlichen Instinkt, was wo wie gebaut werden sollte. „Das Interessante ist ja, dass der Mensch so einfallsreich ist, auch in der Entwicklung der Baukultur über Jahrtausende, dass er es geschafft hat, an
jedem Ort der Welt mit dem zu arbeiten, was vorhanden war, und dass die Bauformen für die jeweiligen klimatischen Bedingungen immer optimiert sind. Ungünstig wäre es, wenn es bei uns, wo wir so starke Klimaschwankungen haben, nur Stein und Lehm geben würde, dann hätten wir größere Schwierigkeiten. Da ist Holz total praktisch. Umgekehrt in Jemen zum Beispiel, gäbe es dort nur Holz, dann bin ich mir nicht sicher, ob dann auch diese wunderschönen Lehmhäuser entwickelt worden wären“, meint der Architekt. „Aber wie durch ein Wunder findet man an jedem Ort das, mit dem man eigentlich sehr sinnvoll Âarbeiten kann. Nur haben wir das leider in den letzten 100 Jahren total verlernt. Das Bauen in ÂBeton, Glas und Erdölprodukten ist zum Standard geworden, und man glaubt, jedes Haus kann, egal wo es steht, genau gleich aussehen, denn den Rest erledigt dann die Haustechnik. Das ist einfach eine Sichtweise, die, glaube ich, in eine solche Sackgasse geführt hat, weil sie ganz viele grundlegende Themen von der Architektur, vom richtigen, kontextuellen und klimagerechten Bauen völlig ausspart.“
Die Stadt als Wald
Dass Nachhaltigkeit im aktuellen Diskurs ein abgenutzter Begriff sei, dagegen tritt Juri Troy entschieden auf. Im Gegenteil: Dazu hat er eine ganz klare Haltung, denn seiner Meinung nach ist dies vielmehr ein Symptom einer schnelllebigen Zeit. „Da definiert man einen Begriff, über den man zehn Jahre diskutiert und dann sagt, das könne man nicht mehr hören, das sei schon so abgenutzt. Nein, der Begriff ist in meinen Augen nach wie vor extrem aktuell und extrem wichtig. Vielmehr ist es der Diskurs, der abgenutzt ist, weil so vieles an diesem Begriff vorbeigedacht wird, beziehungsweise so vieles darunter subsumiert wird, was in keinster Weise nachhaltig ist. Und ich glaube, dass man sich jedes Mal, wenn man über diesen Begriff nachdenkt, die Grundidee vor Augen halten sollte. Nämlich, dass dieser aus der Forstwirtschaft kommt und dass dieses Denken einen Prozess beschreibt, der ein System am ÂLeben erhält, das nicht meinen eigenen Nutzen generiert, sondern welches ich so programmieren muss, dass zukünftige Generationen auch mit und in diesem System leben können.“ Bei diesem Gedanken übersetzt er die Architektur und das Bauen an sich in ein metaphorisches Bild: GebäuÂde wie Bäume denken. Für ihn heißt das, Städte wie einen Wald zu betrachten, in der jedes Haus einen Baum darstellt, der irgendwann gepflanzt worden und für eine gewisse Zeit da ist, der gepflegt werden kann und dem es besser geht und entsprechend länger hält, wenn man sich Âdarum kümmert. „Im schlimmsten Fall, wenn er gefällt werden muss, also wenn etwas abgebrochen werden muss, ist es ganz wichtig, einen Plan zu haben: Was mache ich mit den Ressourcen? Wie kann ich sinnvoll damit umgehen? Das ist, glaube ich, der Hauptaspekt. Inzwischen ist die DiskusÂsion aber leider irgendwo ganz anders. Man verwendet noch ein bisschen Holz und schaut, dass die Zahlen ein bisschen poliert sind, damit es nachhaltig wirkt. Und genau das ist es, was meiner Meinung nach einen solchen Begriff abnutzt.“
An der Zukunft bauen
Juri Troy war an verschiedenen Universitäten als Vortragender und Lehrbeauftragter tätig, aktuell auch an der TU Wien. Und er nimmt diese verantwortungsvolle Aufgabe besonders ernst. Schließlich sieht er diese eng verknüpft mit der Frage nach der Verantwortung der Architekt*innen. Denn für Juri Troy ist es ein ganz grundsätzliches Thema, was denn eigentlich die zukünftige Aufgabe von Architekt*innen sein wird. „Verantwortung ist in der Lehre, finde ich, ein ganz wichtiges Thema, und zwar so, dass man diese Inhalte auch so transportiert, wie sie dann wirklich sinnvoll weiÂterÂgedacht und bearbeitet werden Âkönnen. Da hat sich in den letzten Jahren wirklich sehr viel getan. Wir haben uns an der TU in einigen Klausuren genau mit diesem Thema auseinandergesetzt. Gerade jetzt verändert sich alles sehr stark: die Arbeitsbedingungen, die Vorgaben, die Ausrichtungen, was Architektur bedeutet. Aber was heißt das für unsere Lehre, und wie glauben wir, dass der Beruf, den wir da versuchen zu lehren, in zehn Jahren aussieht? Was ist wichtig, das wir jetzt unterrichten, damit jemand in zehn Jahren in Âdieser Branche an der richtigen Stelle steht? Da glaube ich eben, dass die Grundwerte ganz entscheidend sind, die man vermittelt. Alles andere – Fähigkeiten, sich in Details reinzuarbeiten oder Normen zu verinnerlichen und zu übersetzen, die sich sowieso ständig verändern – kann man sich selber aneignen. Aber die Grundwerte, wonach man seine Entscheidungen trifft oder wie man auch zu dem Thema Bau und Architektur steht, wie man das in die Welt hinausträgt oder wie man Bauherren gegenüber dann argumentiert, warum gewisse Entscheidungen so oder anders sind, das prägt, glaube ich, gerade in der Zeit, wo man in der Ausbildung ist.“ Eine andere Verantwortung im Berufsstand des Architekten sieht er gegenüber dem vorhandenen Baubestand, der nicht gerade klein ist. Juri Troy hat sich die Mühe gemacht, dieses Faktum genauer zu analysieren und fand heraus, dass es alleine in Österreich mehr als eine Million Einfamilienhäuser gibt, mehr als die Hälfte davon energetisch völlig unzeitgemäß, meistens zu groß und mit Grundrissen, die heutzutage nur schwer brauchbar sind. „Es ist eine riesige Aufgabe, daraus wieder etwas Zeitgemäßes, Brauchbares zu machen. Ich habe einmal ungefähr ausgerechnet, dass, wenn nur jedes Architekturbüro in Österreich pro Jahr ein solches Projekt machen würde, dann wären alle über zirka 140 Jahre beschäftigt, nur den Bestand auf einen modernen Standard zu bringen. Eigentlich eine tolle Aussicht, wenn es denn so wäre.“
PERSON:
Univ. Prof. Arch. Mag. arch. Juri Troy
1972 in Bregenz geboren, machte Juri Troy eine Steinmetz- und Hochbauausbildung in Vorarlberg, bevor er an der TU Innsbruck und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Architektur studierte und das Diplom „re-entering expo“ in Sevilla erwarb. 2003 gründete er sein eigenes Architekturbüro. Juri Troy war und ist Mitglied hochkarätiger architektur-relevanter Vereinigungen, ist Juror, Gastkritiker und Universitätsprofessor und lehrt aktuell an der TU Wien Holzbau und Entwerfen im urbanen Raum.
ZITAT:
„Wir verharren im Moment einfach in einer Denkweise, die wir spätestens mit dem letzten Jahrhundert eigentlich hinter uns lassen hätten sollen. Auf der einen Seite darüber zu diskuÂtieren, wie viel Holz setzt man ein, damit man nachhaltig ist, und auf der anderen Seite so rücksichtslos mit Bestand umzugehen, das macht keinen Sinn. Da machen wir auf der einen Seite einen Schritt nach vorne, auf der anderen Seite zwei zurück.“
Juri Troy              Â














