Zukunft Interdisziplinäre Planung

  • Für die Zukunft wünscht sich Achammer, dass ATP der Mission noch besser gerecht wird und durch gute Häuser die Welt verbessert. Und, dass ATP weitere Generationen überdauert. © ATP / Olaf Becker
  • Mit dem IN-TOWER in Ingolstadt, ein 50 Meter hoher Turm mit 80 Wohneinheiten und Sockelzone mit Mischnutzung, hat ATP eine neue Sehenswürdigkeit geschaffen. © ATP / Olaf Becker
  • Mit dem IN-TOWER in Ingolstadt, ein 50 Meter hoher Turm mit 80 Wohneinheiten und Sockelzone mit Mischnutzung, hat ATP eine neue Sehenswürdigkeit geschaffen. © ATP / Olaf Becker
  • Das IWC Manufakturzentrum in Schaffhausen (Schweiz), eine Produktionsstätte für Werkteile und Gehäuse, wurde von ATP Zürich integral geplant und „in time and cost“ realisiert. © IWC
  • Das jüngst eröffnete OMV-Gebäude in Schwechat mit seinen ineinander verschränkten Kuben wurde in nur 14 Monaten von ATP Wien errichtet und mit dem German Design Award ausgezeichnet. © ATP / Kuball
  • Das im Auftrag der Boehringer Ingelheim Austria realisierte Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) für 200 Wissenschaftler in Wien bildet den Nukleus des Vienna Biocenter. © ATP / Kuball

Er ist überzeugt, dass der Industriebau seit 150 Jahren der Innovationsmotor der Architektur ist. Sein Fokus liegt auf der Minimierung der Verschwendung durch die unermüdliche Analyse von Prozessen. Seine Verantwortung gegenüber der Welt legt er in die Begleitung eines Gebäudes durch dessen gesamten Lebenszyklus. Und er ist stolz, dass Österreich die erste durchgängige ÖNORM Europas für Building Information Modeling geschaffen hat. ATP-Vorstand Professor Christoph  M. Achammer, der das Unternehmen, welches sein Vater gegründet hat, zu einem Global Player  gemacht hat, blickt positiv in die Zukunft und ist voller Visionen und Ideen.

„Das Geheimnis unseres Erfolges sind unsere Mitarbeiter. Aber die Idee, die dahintersteckt, trägt zu diesem Erfolg bei.“ Christoph M. Achammer ist stolz auf sein Team und auf das, was er in den letzten mehr als 30 Jahren auf die Beine gestellt hat. Die Anfänge von ATP liegen in den frühen 50er Jahren, als Achammers  Vater Fred als One-Man-Show in einer ungeheizten Veranda an seinem Schreibtisch den Grundstein für ATP legte. Er konzentrierte  sich in den Sechziger und Siebziger Jahren vor allem auf den Industriebau. Mitte der Siebziger  Jahre mit damals bereits 40 Mitarbeitern  wagte er schließlich den Schritt, einen Partner aus dem Bauingenieurwesen und einen Partner aus dem Maschinenbauwesen ins Unternehmen zu holen – das war der Beginn der  Integralen Planung. Fred Achammer, Sigfrid Tritthart und Gunther Fröhlich begannen so, aus den Bereichen der Architektur, der Tragwerksplanung und des Maschinenbaus heraus eine Kultur des Miteinanders zu leben.

Viele Köpfe, eine Philosophie

1987 wurde Sohn Christoph M. Achammer zum Partner, der diese Tradition mit Sigfrid Tritthart 15 Jahre lang weiter aufbaute. In diese Zeit fällt ein Wachstum auf 250 Mitarbeiter, wobei immer der Fokus auf der Integralen Planung lag. Das heißt, in der Regel sind unter der Führung der Architekten von Sekunde Null an die Kompetenzträger aus Architektur, Tragwerksplanung und technischer Gebäudeausrüstung aus dem eigenen Haus an Bord.  Es werden keine Abteilungsergebnisse formuliert, sondern Projektergebnisse. „Alle Hürden, die das Büro in der Lage war zu beeinflussen, wurden so niedrig wie möglich gehalten, um die in unserer Branche  gepflegte Kultur des Gegeneinanders oder des Nebeneinanders niederzureißen und zu einem Miteinander zu machen“, erklärt Christoph M. Achammer. In der Zwischenzeit ist ATP eine Partnerschaft mit acht Partnern und mit fast 800 Mitarbeitern eines der größten Architektur-  und Ingenieurbüros in Europa, in Kontinental-europa wahrscheinlich das größte. Strategisch wird bewusst nur in Europa gearbeitet.

Jeder Entwurfsauftrag beginnt damit, den Kernprozess zu analysieren, um daraus gemeinsam mit dem Bauherrn eine eindeutige Bestellqualität zu erarbeiten. Vor jeder Planung gibt es zwei wesentliche Phasen: zunächst zu sehen, ob derjenige überhaupt ein neues Haus braucht, oder ob es gelingt, gemeinsam mit dem Bauherrn zum Ergebnis zu kommen, dass er gar kein Haus bauen muss, was das nachhaltigste Ergebnis wäre. Wenn gebaut werden soll, kommt die Phase der Definition der Bestellqualität, die sehr oft vernachlässigt wird, nämlich das genaue Erarbeiten, welche Anforderungen an das Projekt gestellt werden. „Ausgehend von diesem Kernprozess beginnen wir all unsere Planungen. Wir nähern uns nicht über die Form oder den Ort an, sondern der Ausgangspunkt ist, was das  Gebäude unserer Meinung nach vor der Welt rechtfertigt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Bau-industrie jene Industrie ist, die die Welt am meisten verändert. Wir haben eine riesige  Verantwortung: Wir bauen zwar ein Haus für unseren Auftraggeber, wir bauen es aber auch für die ganze Umgebung – das ist eigentlich das Schöne an unserem Beruf. Dieser Verantwortung versuchen wir in dieser ersten Phase maximal gerecht zu werden. Wenn da Fehler gemacht werden, sind diese nie wieder gutzumachen.“

Zusammen ans Ziel

ATP architekten ingenieure war aber in vielerlei Hinsicht immer schon „early mover“. 2012 wurde  begonnen, das ganze Unternehmen auf BIM umzustellen, seit drei, vier Jahren gibt es ausschließlich integrale Modelle. Das hat sehr viel Mühe und viel Geld gekostet, dafür gehört BIM  jetzt auch zur DNA. Was Building Information Modeling betrifft, liegt ATP in Europa ganz vorne, nicht zuletzt wegen des großen Vorteils, dass alle Disziplinen im Haus vereint sind. Viele scheuen sich davor, diese Technologie anzunehmen, weil es im Austausch zwischen den Disziplinen große Probleme gibt, wenn man nicht unter einem Dach ist. Es ist aber auch die Mehrsprachigkeit, das Über-Grenzen-Zusammenarbeiten – so gibt es kontinuierlich etwa 20 bis 30 Mitarbeiter aus Moskau, die an einem anderen Standort arbeiten, um dort die Kultur aufzusaugen und vice versa.

„Da probieren wir ziemlich viel aus. Die Entdecker- und Pionierrolle wollen wir auch weiterhin behalten. Zudem ist es durch die Digitalisierung unseres Büros möglich, online in Realtime von drei verschiedenen Büros aus zu arbeiten. Das ist faszinierend.“ Kommt man sich da nicht in die Quere, fragt man sich. „Beim Bauen kommt man sich immer in die Quere“, lacht Christoph M. Achammer, „aber der große Unterschied ist, dass man es gemeinsam macht. Das ist der Kernwert unseres Unternehmens, an dem wir alles ausrichten. Wenn alle ein Projekt gemeinsam machen, ist natürlich das Leid des Wegwerfens und des Flexibelseins ein geringeres. Vor 30 Jahren hat es bei Mercedes oder BMW von der ersten Entwurfsskizze bis zum Zeitpunkt, an dem das Auto dann auf der Straße war, über 60 Monate gedauert. Heute sind es 14 Monate. Das geht nur deshalb, weil die Entwickler, Karosserieexperten, Motorspezialisten und Designer mit dem Modell in der Mitte zusammensitzen und gemeinsam daran arbeiten. Das müssen wir auch wieder lernen.“

Ganz oder gar nicht

Wie wichtig integrales Arbeiten tatsächlich ist, um zukunftsfit zu sein, weiß Christoph M.  Achammer auch aus seiner Erfahrung als Professor: „Ich lehre an der TU Wien Industriebau für Architekten und Bauingenieure, und ich sehe, dass sich die Studierenden am besten in den  frühen Semestern verstehen. Nach dem Bachelor wird ihnen aber beigebracht, dass sie zwei verschiedene Sprachen sprechen. Diese Dinge gilt es zu überwinden, denn das integrale Denken geht schon an der Universität verloren. Es beginnt mit einer Erwartungshaltung, die an den Universitäten verstärkt wird. Die fakultätsübergreifenden Ausbildungen, aber auch der Anspruch vor allem der Architekten gesamtverantwortlich ein Projekt zu führen, tritt in den Hintergrund. Es gibt viele Kollegen, die bis zur Genehmigungsplanung arbeiten und dann an andere übergeben, das ist für uns schwer verständlich. Wir wollen vom Kernprozess, in dem wir mit dem Kunden alles durchdiskutieren, bis zur Übergabe des Gebäudes den Prozess führen. Das bedeutet natürlich enorm engagierte Arbeit und entsprechende Haltung.“

„Ich denke, dass Architekten sich wieder wesentlich mehr ihrer globalen Verantwortung bewusst sein müssen. Das zieht nach sich, dass wir uns im Prozess des Bauens ganz vorne wieder viel mehr einmischen müssen. Das heißt, wir müssen politisch werden, wir müssen sozial werden und wir müssen uns von der degenerativen Bewegung zum Fachingenieur für Gestaltung emanzipieren. Das ist die Hauptaufgabe. Wenn man sich ansieht, wie sich große Kollegen vor hundert Jahren in die öffentliche Debatte eingebracht haben, im Städtebau maßgeblich waren, wenn man Schriften von Wagner und Loos ansieht, wie sie sozialpolitische Visionen formuliert haben, die Konfrontation gesucht und sich nicht auf die gestalterische Position zurückgezogen haben – dort müssen wir wieder hin.“ Für die Zukunft ist Christoph M. Achammer sehr optimistisch. „Ich glaube, die junge Generation erkennt das – ich sehe das bei meinen Studenten. Sie wissen, dass sie vor dem Hintergrund dieser enormen Verantwortung, die wir, die das Bauen maßgeblich beeinflussen, uns wieder umfassend einbringen müssen. Das bedeutet, den Stier bei den Hörnern zu packen, oder akademisch formuliert: den Prozess zu führen.“     

 

Univ.-Prof. Architekt Dipl.-Ing. Christoph M. Achammer, ATP-Vorstandsvorsitzender

  • geboren 1957
  • Studium der Architektur an der Technischen Universität Wien
  • Lehr- und Wanderjahre in Europa, im Mittleren und Fernen Osten und in den USA
  • Gründungsgesellschafter und CEO von ATP architekten ingenieure
  • Universitätsprofessor am Lehrstuhl für Industriebau und interdisziplinäre Bauplanung, TU Wien, Institut für interdisziplinäres Bauprozessmanagement
  • Organisation der Alpbacher Architekturgespräche zwischen 2001 und 2005
  • Gründungsmitglied DGNB, ÖGNI, IG Lebenszyklus
  • Member of the Jury for the European Shopping Centers Awards of the ICSC 2009–2015
  • Buchveröffentlichungen, Vorlesungen und Vorträge zum Thema Industriebau, Integrale Planung und nachhaltiges Bauen