Wenn Architektur Mut braucht

  • Dieter Johs
  • Im viergeschoßigen Neubau Flurgasse 20 errichtete die WEGRAZ gemeinsam mit der GSL Gemeinnützigen Bauvereinigung 25 geförderte Mietwohnungen in bester Lage.© WEGRAZ/Paul Ott
  • Über einen 360-Grad-Blick ins Grüne und offene Architektur mit Freibereichen dürfen sich die Bewohner der Penthouses und der Maisonette in der Grazer Wartingergasse freuen. © WEGRAZ
  • Das zentral im Grazer Universitätsviertel gelegene Bürohaus Leechgasse 29 wurde in Zusammenarbeit mit dem Architekt Markus Schulz realisiert.© WEGRAZ/Markus Kaiser
  • Das monolithische A2Z an der Autobahneinfahrt Ost soll ein neues Wahrzeichen für Graz werden.© WEGRAZ

Zusammen mit renommierten Architekten wie Zaha Hadid, Ernst Giselbrecht oder Hermann Eisenköck hat die WEGRAZ mehr als 300 Projekte realisiert. Im Interview hat Barbara Jahn mit Geschäftsführer Mag. Dieter Johs über Unternehmensphilosophie, Zusammenarbeit mit Architekten, Visionen und das jüngste Prestigeprojekt Argos gesprochen.

Weiss: Als Entwickler haben Sie einen guten Einblick in strukturelle Veränderungen, beispielsweise in Graz. In welche Richtung ist man da unterwegs?    

Dieter Johs: Aufgrund der Tatsache, dass Graz eine Zuzugsgemeinde ist und jährlich zwischen 3.000 und 4.000 Personen zuziehen, ist der Bedarf vor allem an Wohnimmobilien sehr groß. Wenn man die Ausfahrts- und Durchzugsstraßen wie zum Beispiel Wiener Straße, Kärntner Straße, Eggenberger Gürtel oder auch Puntigamer Straße entlangfährt, kann man sehen, dass dort sehr große Wohnbauprojekte entstanden und immer noch in Entstehung sind. Die Nachfrage orientiert sich natürlich an geänderten Haushaltsformen, das heißt, es werden derzeit eher kleinere Wohneinheiten nachgefragt und auch gebaut. Das liegt nicht etwa daran, dass sich die Wunschwohnungsgrößen geändert hätten, sondern die Menschen wollen bzw. können nur noch einen gewissen Teil ihres Monatsbudgets für das Wohnen ausgeben. Insgesamt kann man für Graz festhalten, dass der Stadtregierung und den zuständigen Beamten bewusst ist, dass es nicht immer reicht, Gebäude zu errichten, sondern dass es ganz wichtig ist, auch die notwendige Infrastruktur zu schaffen, wie öffentliche Verkehrsanbindung, die Erhaltung von Grünraum, Treffpunkten und entsprechende Nahversorgungsmöglichkeiten – all das sollte bei jedem Projekt mitberücksichtigt werden. Bei einzelnen Projekten wie der Smart City Graz Mitte, wo wir mitinvestiert haben, wurde gut konzeptioniert und geplant und dies wird ein Projekt der Zukunft sein.       

Weiss: Was macht für Sie eine Immobilie zukunftsträchtig?

Dieter Johs: Ich bin der Meinung, dass eine Immobilie in ihrer Funktion variabel gestaltbar sein soll, denn Ansprüche verändern sich in immer kürzeren Abständen, nicht nur, was die Größe der Immobilie, sondern auch was die Ausstattung und die Funktion betrifft. Daher ist es aus meiner Sicht wichtig, dass eine Immobilie gut durchdacht ist in Hinblick auf Architektur, Technik und Qualität der Materialien, sie soll aber auch auf die individuellen Bedürfnisse sowohl der Nutzer als auch der Investoren und der Käufer zugeschnitten sein.

Weiss: Wo liegt der Schwerpunkt der WEGRAZ: Eher in der Neuerrichtung oder bei der Revitalisierung?

Dieter Johs: Die WEGRAZ ist durch die Revitalisierung von Altobjekten bekannt geworden. Das ist sicher ein Geschäftsfeld, das wir weiterhin verfolgen und bedienen werden. Aber aufgrund der Bedürfnisse der Bewohner von Graz und anderen Bundes- und Landeshauptstädten ist auch der Neubau ein immer stärkeres Thema, das die WEGRAZ in den Fokus rückt. Man kann sagen, der Anteil der Neubauten übersteigt derzeit sicherlich jenen der Altbaurevitalisierungen.      

Weiss: Wo ist WEGRAZ – außer in Graz – noch tätig?  

Dieter Johs: Wir agieren auch in anderen Ballungszentren, z. B. in Wien, wo wir aktuell zwei Projekte realisieren und noch weitere planen, haben aber auch in Linz ein Standbein und sind in Bezirksstädten tätig wie Leoben, Bruck an der Mur, Kapfenberg, im Ausseer Raum und neuerdings auch in Kärnten. 

Weiss: Haben Sie bezüglich Nutzung einen Schwerpunkt oder halten sich beispielsweise Wohnen und Arbeiten eher die Waage?  

Dieter Johs: Wir errichten aufgrund der Anforderungen, die sich in Bebauungsplänen wiederfinden, schwerpunktmäßig Wohnflächen, aber auch Gewerbeflächen wie Geschäfts- und Büroflächen. Zu unserem Portfolio gehören auch Hotels und größere zusammenhängende Büroflächen, wo Menschen nicht nur leben, sondern auch arbeiten – solche Projekte sind für uns immer interessant. Wir sind auf allen Segmenten sehr gerne tätig.    

Weiss: Wo sehen Sie die besonderen Vorteile, wenn alles aus einer Hand kommt?     

Dieter Johs: Dass der Kunde – sei es der Investor oder der zukünftige Nutzer – von der Planung über die Errichtung bis zur Bewirtschaftung und Verwaltung einen Ansprechpartner hat.                   

Weiss: Sie verstehen sich also als Bindeglied zwischen Investor und zukünftigem Nutzer?     

Dieter Johs: In den meisten Fällen, ja. Es gibt Projekte, die wir selbst behalten und verwerten, aber eigentlich sind wir als Projektentwickler tätig, um fertiggestellte Projekte an Investoren weiterzugeben. Aber auch dann wollen wir das Gebäude gerne für den oder die Investoren weiter bewirtschaften.

Weiss: Wie sehen Sie grundsätzlich die Zukunft des modularen Bauens?     

Dieter Johs: Unsere Erfahrungen aus Australien oder den USA lassen uns die Zukunft optimistisch sehen. Dort gibt es Innungen der Produzenten von modularen Bausystemen, diese Baumethode wird an Universitäten unterrichtet, und es werden Konferenzen veranstaltet, wo sich die Spezialisten treffen. Jede Branche entwickelt sich und sucht nach neuen Formen, so sehen wir auch die modulare Bauweise im Bauwesen.

Weiss: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit dem Architekten aus? Wo steigt er ein, bis wohin begleitet er ein Projekt?     

Dieter Johs: Wir ziehen eigentlich bei jedem Projekt einen Architekten heran. Wir haben einen Pool von sehr innovativen Architekten, die für hochwertige Architektur und große Funktionalität stehen. Wir arbeiten sehr gerne mit Architekten zusammen. Bei größeren Projekten werden von uns ohnehin Wettbewerbe initiiert. Der Einstieg des Architekten erfolgt idealerweise gleich zu Beginn. Wenn wir eine Liegenschaft erwerben können, dann laden wir einen Architekten unseres Vertrauens bereits ein, um die Bebaubarkeit zu überprüfen. Der Architekt begleitet uns dann in den meisten Fällen von der Studie bis zur Ausführungsplanung. 

Weiss: Das Projekt Argos zeigt, dass WEGRAZ auch außergewöhnliche Dinge wagt. Wie wichtig ist Ihnen anspruchsvolle Architektur?     

Dieter Johs: Das Argos hat sicher eine Sonderstellung. Es ist nicht nur ein architektonisch hervorragendes Projekt, es ist auch gleichsam ein Denkmal, denn es hat einen ähnlichen Stellenwert wie das Kunsthaus Graz oder die Murinsel. Es wird sicher von vielen Leuten besucht werden und es polarisiert. Mit Argos zeigen wir, dass wir durchaus bereit sind, Projekte mitzugestalten und zu realisieren, die weit über unsere Grenzen und unsere Generation bekannt sein sollen. 

Weiss: Haben Sie außer mit Hadid auch schon mit anderen internationalen Größen der Architektur zusammengearbeitet?     

Dieter Johs: Zaha Hadid ging als Siegerin eines Wettbewerbs hervor, der bereits vor einigen Jahren abgewickelt wurde. Wir pflegen in den meisten Fällen eine Zusammenarbeit mit österreichischen Architekten, die aber auch international tätig sind.

Weiss: Wie beurteilen Sie die österreichische Architekturszene? Hat sie Potenzial?     

Dieter Johs: Ausgezeichnet. Ich bin überzeugt, dass wir in Österreich sehr professionelle Architekten mit guten Visionen und hoher Fachkompetenz ausbilden und die Projekte, die inner- und außerhalb Österreichs durch österreichische Architekten entstehen, sind absolut herzeigbar. Wir haben mit den meisten Architekten sehr positive Erfahrungen.

Weiss: Was muss ein Architekt anbieten können, dass Sie mit ihm zusammenarbeiten?    

Dieter Johs: In erster Linie eine gute Idee, wie man einen Bauplatz bebauen kann. Und er muss sehr funktionell und wirtschaftlich orientiert sein. Die Architektur ist die eine Seite, aber er muss auch den Bedarf der Menschen oder Organisationen erkennen, die darin arbeiten oder wohnen sollen. Der Architekt sollte auch eine gewisse Flexibilität aufweisen, wenn es darum geht, die eine oder andere geplante Funktion zu adaptieren. Wichtig ist uns, dass er nicht nur Künstler, sondern auch Dienstleister ist.

Weiss: Sie haben vorhin die Wettbewerbe erwähnt. Wie laufen diese ab?   

Dieter Johs: Das sind meist geladene Wett- bewerbe, wir haben aber auch einige offene Wettbewerbe, die durch Fachleute vorbereitet und betreut werden.         

Weiss: Wie sieht für Sie das Wohnen und Arbeiten der Zukunft aus?    

Dieter Johs: Es wird sich alles vermischen. Die klassischen Arbeitsplätze, wie wir sie heute kennen, dass man zuhause nur wohnt und zur Arbeit ins Büro geht, all das wird immer mehr in Frage gestellt. Es gibt sehr viele Berufe, wo Arbeiten und Wohnen räumlich zusammengefasst werden können. Deshalb geht es darum, funktionelle Vorschläge zu unterbreiten, wo beide Lebensformen abgebildet werden können. Der Anteil an Homeoffices wird in den nächsten Jahren sicher weiter zunehmen. Davon bin ich überzeugt. Mit der Digitalisierung brauchen wir sicher bald keinen Schreibtisch mehr, um arbeiten zu können.                                 

Weiss: Verraten Sie uns, woran Sie gerade arbeiten?    

Dieter Johs: Wir arbeiten gerade an sehr zukunftsorientierten Projekten: Wohnbauprojekte gemischt mit geschäftlicher und Büronutzung in der Smart City, aber auch an Wohnbauprojekten im Westen von Graz und in Wien sowie an kleineren Wohnbauprojekten in Bad Aussee und Altaussee, um nur einige zu nennen. Wir sind jederzeit gerne für neue und spannende Projekte bereit. 

 

WEGRAZ

Seit 1974 ist die WEGRAZ erfolgreich in der Projektentwicklung tätig. Zur Leistungspalette des Unternehmens zählen herausragende Revitalisierungsprojekte und Neubauten in den Bereichen Wohnen, Handel, Gewerbe und Industrie. Die Errichtung zukunftsträchtiger Immobilien und die sensible Umsetzung von Revitalisierungsobjekten in wertvoller Bausubstanz entsprechen der Unternehmensphilosophie der WEGRAZ seit nunmehr 40 Jahren. Genaue Marktanalysen und bewährte Partnerschaften mit Experten aus Architektur, Recht und Wirtschaft sowie verantwortungsbewussten Bauunternehmen begleiten den Unternehmenserfolg der WEGRAZ. Neben kontinuierlichen Projektrealisierungen in Graz und Graz-Umgebung ergänzen Wohn-, Büro-, Handels-, Gewerbe-, Firmen- und Sonderimmobilien sowie Industriezentren oder Hotelprojekte in der gesamten Steiermark, in Wien und Linz das WEGRAZ-Portfolio. Und die Lust, weiter Visionen zu realisieren, hält an.      

Dieter Johs

• 1984–1990 Studium der Rechtswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz

• seit 2002 behördlich konzessionierter Immobilienmakler und Immobilienverwalter

• seit 2005 behördlich konzessionierter Bauträger

• seit 2003 Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für das Immobilienwesen

• seit 2009 Geschäftsführer der WEGRAZ Gesellschaft für Stadterneuerung und Assanierung GmbH und diverser Projektgesellschaften