Die Schule als Dorf

  • Anna Popelka und Georg Poduschka
    Anna Popelka und Georg Poduschka
    Das Planerteam Anna Popelka und Georg Poduschka beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten intensiv mit der Gestaltung von Bildungsbauten© Foto Pfluegl
  • Bildungscampus Sonnwendviertel
    Bildungscampus Sonnwendviertel
    Schule mit Dorfcharakter und Prototyp für eine neue Bildungsarchitektur.© Votava PID2
  • Kindergarten, Volksschule und Neue Mittelschule unter einem Dach
    Kindergarten, Volksschule und Neue Mittelschule unter einem Dach
    Kindergarten, Volksschule und Neue Mittelschule unter einem Dach und mit gemeinsamen Treffpunkten.© Hertha Hurnaus
  • Klassenanordnung
    Klassenanordnung
    Jeweils vier Klassen sind um einen gemeinsam nutz- und bespielbaren „Dorfplatz“ angeordnet.© Hertha Hurnaus

 Die österreichische Bildungslandschaft ist im Umbruch – das gilt nicht nur für die Ausbildung der zukünftigen  Pädagogen und Pädagoginnen, sondern auch für den Ort ihres Wirkens – die Schule! Individualisierter Unterricht statt Frontalvortrag, eigenständiger Kompetenzerwerb statt Anhäufung von passivem Wissen. Neue Bildungsziele bedürfen auch einer entsprechenden Gestaltung. Mit dem Campus Sonnwendviertel hat die Stadt Wien ein national und international vielbeachtetes Exempel für den Bildungsbau der Zukunft statuiert. WEISS hat die Protagonisten, die hinter dieser Bildungsarchitektur stehen, zum Interview gebeten und sie um eine Trendanalyse zum Thema Bildungsbau der Zukunft gebeten.

Weiss: Anna Popelka und Georg Poduschka, Sie beschäftigen sich seit über zwei Jahrzehnten ganz intensiv mit der Thematik Bildungsbau. Auf wie viele Wettbewerbsbeiträge bzw. Entwürfe können Sie verweisen? Wie viele tatsächliche Realisierungen haben sich daraus ergeben?    

PPAG: Wir haben seit unserem Bestehen an unzähligen Wettbewerben für Bildungsbauten teilgenommen und in Summe über 30 Entwürfe produziert. Unsere allerersten sind tatsächlich schon über zwei Jahrzehnte alt. Schon in den 1990er Jahren haben wir im Dunstkreis der damals viel diskutierten Teilrechtsfähigkeit Konzepte für offene Stadtteilschulen vorgeschlagen. Zum Beispiel das Projekt Schule=Oper=Stadion für die Gerasdorfer Straße. Realisiert haben wir unsere ersten Schulbauten aber erst in den vergangenen paar Jahren. Drei sogenannte Bildungsbauten haben wir mittlerweile abgeschlossen, drei weitere sind noch in Realisierung.       

Weiss: Im Jahr 2011 haben Sie den EU-weiten Wettbewerb für die Errichtung des Bildungscampus im Sonnwendviertel gewonnen und sich gegen eine Unzahl an Mitbewerbern durchgesetzt. Mit dem Schuljahr 2014/2015 wurde der Regelschulbetrieb aufgenommen. Welche Rückmeldungen haben Sie seitdem bekommen, wie es sich in Ihrem Gebäude lehrt und lernt?

PPAG: Wir führen nach wie vor regelmäßig und eigentlich auch sehr oft Interessierte durchs Haus. Dabei holen wir uns natürlich auch immer Feedback von den Schüler/innen und Pädagoginnen. Der Geist, aus dem der Campus entstanden ist – und der bauherrenseitig, also von der Stadt, schon lange vor dem architektonischen Gedanken als Ziel definiert war – blüht und gedeiht in dem Haus. Es ist eine Freude, das mit anzusehen.     

Weiss: Im Bildungscampus Sonnwendviertel  sind ein Kindergarten, eine Volks-, und eine Mittelschule angesiedelt. Welche Synergien gibt es zwischen den unterschiedlichen Bildungstypen und Altersgruppen?

PPAG: Die Nutzung von Synergien war eines der vorrangigen Ziele bei der Planung und Errichtung des Campus. Die unmittelbare Nähe zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen baut definitiv Schranken ab. Die Leiterin des Kindergartens erzählt eindrucksvoll von den gemeinsamen Programmen und den entspannten Schuleinschreibungen etc. Die Inbetriebnahme des Campus erfolgte ja „aufsteigend“, also im ersten Jahr nur mit ersten Klassen … da kommt ab ­kommenden September also erstmals die Situation, dass sich die Neue Mittelschule (NMS) aus der eigenen Volksschule nährt. Das wird dann für die sogenannte Schnittstelle 10plus der spannende  Moment, weil die NMS dann auf vertrauten  Unterrichtsmethoden aufsetzen kann.      

Weiss: Dem Bildungscampus im Sonnwendviertel liegt das Grundkonzept eines Dorfes zugrunde. Wie sieht die konkrete Umsetzung dazu aus?   

PPAG: Im pädagogischen Fachjargon gilt der/die Mitschüler/in als zweiter Pädagoge bzw. ­zweite Pädagogin. Schüler/innnen lernen lieber vom Mitschüler oder der Mitschülerin als vom Erwachsenen und für den vielleicht älteren Mitschüler bzw. die ältere Mitschülerin ist es der Gewinn einer Erkenntnisstufe, etwas nicht nur zu wissen oder zu beherrschen, sondern es auch erklären zu können. Im ganzen Campus leben aber insgesamt 1.100 Kinder, da kann dies natürlich nicht mit jeder/m funktionieren. Dafür braucht es eine gewisse Intimität. Deswegen die Teilung der Kinder in überschaubare „Dörfer“, sogenannte Cluster, wo in unserem Fall je 100 Kinder, also je 4 Bildungsräume (Klassen) und auch der Teamraum der Clusterpädagogen und -pädagoginnen rund um einen gemeinsam genutzten, sogenannten Marktplatz formiert sind. Dieser Marktplatz ist aber keine Gang- oder Pausenfläche, sondern wird im Alltag auch in vollem Umfang pädagogisch genutzt.   

Weiss: Welche sind die wichtigsten Anforderungen, die heute an einen zeitgemäßen Bildungsbau gestellt werden?

PPAG: Die moderne Pädagogik hat erkannt, dass alle Menschen verschieden sind und dass diese Individualität Ausgangspunkt und Horizont der Entwicklung jedes Kindes ist. Jedes Kind muss individuell gefordert und gefördert werden. Da macht der instruktive Unterricht nur bedingt Sinn. Der Großteil des Unterrichts findet also in Projektarbeit, Gruppenarbeit oder in freiem Lernen statt, in denen jede Gruppe bzw. jede/r Einzelne unterschiedliche Aufgaben bearbeitet. Moderne Pädagogik ist deswegen großteils ein Management von Kleingruppen, weswegen die räumliche Struktur von so großer Bedeutung ist. Der Raum ist im Fachjargon der dritte Pädagoge. 

Weiss: Der moderne Bildungsbetrieb zeichnet sich unter anderem durch einen stetigen Wechsel zwischen Lern- und Freizeit aus. Wie kann man diesem Umstand architektonisch Rechnung tragen? 

PPAG: Die Unterscheidung zwischen Lern- und Freizeit ist vielleicht überhaupt überholt. Wir  wollen ja, dass die Kinder gerne lernen und  immer ihrer Neugier freien Lauf lassen. Im Idealfall gibt es die Unterscheidung in unseren Köpfen nicht, was nicht heißen soll, dass man nicht ab und zu auch entspannen kann.    

Weiss: Wie schafft man eine Umgebung, in der Lernen Spaß macht?  

PPAG: Architektur kann nur Möglichkeiten schaffen, aber atmosphärisch stark und herausfordernd kann ein Raum schon sein. 

Weiss: Konnten Sie seit 2011 eine Lockerung oder Änderung der Vorschriften für Bildungsbauten in Wien/Österreich feststellen?  

PPAG: Wir müssen uns vor Augen führen, dass die 9 x 7 Meter Klasse basierend auf einer Schulbaurichtlinie Maria Theresias mit wenigen Ausnahmen bis zum Bildungscampus Sonnwendviertel produziert wurde. Das sind fast 250 Jahre. In den jüngeren Bildungsbauten der Stadt Wien ist sie seitdem beinahe verschwunden. Und auch der brandschutztechnische Umgang mit der Clusterschule, also mit dem möblierten Marktplatz, ist in den letzten fünf Jahren durch entsprechende neue Richtlinien zur Normalität geworden.   

Weiss: Sie arbeiten derzeit mit einem norwegischen Partnerbüro zusammen. Skandinavische Länder gelten oft als Vorreiter bei Bildungssystemen. Gilt dies auch für die Bildungsarchitektur? Konnten Sie spezifische oder interessante Zugänge bei Ihrem Partnerbüro feststellen?     

PPAG: Mit unserem norwegischen Partner realisieren wir eine kleine, siebenklassige Sekundarschule in Sauland, ein Dorf circa 3 Autostunden westlich von Oslo. Wir haben ein Bewerbungsverfahren gemeinsam mit unseren Freunden Helen&Hard gewonnen. Die Schule ist schon in Bau. Wir setzen da erstmals eine neue Raumstruktur um, mit der wir schon mehrmals in Wettbewerben knapp gescheitert sind. Die Struktur erreicht einen Grad von Abstraktion, der nicht nur nicht als Schule lesbar ist, sondern nicht einmal als Haus. Zumindest hoffen wir das.                    

 

PPAG:

Anna Popelka

1980–1987    Studium der Architektur an der TU Graz

Georg Poduschka

1986–1994      Studium der Architektur an der TU Graz und am Ecole d’Architecture Paris-Tolbiac 

seit 1995        PPAG

1997/1998    Gastprofessur am Institut für Raumgestaltung/TU Wien

seit 2007        PPAG architects ZT GmbH

2009–2011    Gastprofessur am Institut für Wohnbau/TU Graz

2014   Gastprofessur TU Wien