INTERVIEW: Projekte für Generationen

  • Ing. Mag. (FH) Andreas Matthä, interimistischer ÖBB-Chef© ÖBB Infra
  • Dipl.-Ing. Franz Bauer, Mitglied des Vorstandes ÖBB Infra© ÖBB Infra
  • Hauptbahnhof Wien - eines der größten Bauprojekte der Bahnhofsoffensive© ÖBB/Philipp Horak
  • Hauptbahnhof Wien - vereint Infrastruktur und Architektur© ÖBB/Philipp Horak
  • Hauptbahnhof Wien - verlieht einem ganzen Stadtteil ein neues Erscheinungsbild© ÖBB/Philipp Horak

Seit drei Jahrzehnten sind Franz Bauer und Andreas Matthä bei den ÖBB tätig. Der Aufsichtsrat der ÖBB-Holding AG hat Infrastruktur Vorstandsdirektor Andreas Matthä (53) am 31.5.2016 zum interimistischen Vorstandsvorsitzenden bestellt. Zuvor hat WEISS mit ihm und Franz Bauer gesprochen. Als Mitglieder des Vorstandes der ÖBB-Infrastruktur AG fallen jährlich rund 1.600 Investitions- und Instandhaltungsprojekte in ihren Zuständigkeitsbereich. Vor mehr als zehn Jahren startete die Bahnhofsoffensive, in deren Rahmen bis zum Jahr 2025 ein Großteil der österreichischen Bahnhöfe auf höchste Standards in puncto Kundenfreundlichkeit, Service und Sicherheit gebracht werden. Nachhaltigkeitskriterien spielen dabei ebenso eine Rolle wie die architektonische Gestaltung.

Als einer der größten Auftraggeber des Landes hat die ÖBB auch eine Vorbildfunktion – sowohl in Hinblick auf die architektonische als auch auf die nachhaltige Gestaltung ihrer Liegenschaften. Welchen Stellenwert haben die Themen Architektur und Nachhaltigkeit?

Matthä: In der Bahnhofsarchitektur kommen hochwertige, dauerhafte und natürliche Materialien zum Einsatz. Diese Materialien vermitteln den hochtechnologischen Charakter des Bahnsystems, Genauigkeit, Präzision sowie Bodenständigkeit und Regionalität. Ziel ist, dass Kundinnen und Kunden Beständigkeit und Verlässlichkeit wahrnehmen und nicht Vergänglichkeit und Oberflächlichkeit. Die ÖBB legen bei Hochbauprojekten großen Wert auf einen sorgfältigen und nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. So kommt es beispielsweise im Bereich der Haustechnikanlagen zum Einsatz von energie-effizienten Maßnahmen wie etwa Photovoltaikanlagen, Betonkernaktivierung für die klimatische Nutzung oder effiziente Steuerungsanlagen für die Klima- und Lüftungstechnik. Nicht ohne Stolz möchte ich hier den neuen Wiener Hauptbahnhof nennen, der als perfekte Symbiose eines architektonischen Meilensteines mit nachhaltigem Materialeinsatz im Sinne einer Smart City errichtet wurde, als zentraler Verkehrsknotenpunkt im Zentrum Europas fungiert und einen ganzen Stadtteil neu entstehen hat lassen und prägt.

Welchen Stellenwert haben Architektur und Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Bauer: Nachhaltige Überlegungen in Hochbauprojekten (Materialien, Haustechnikkonzepte, Energieeffizienzmaßnahmen, ökologische Produkte) und deren Umsetzung kosten in der Errichtung nicht mehr als standardisierte Produkte. Der große Mehrwert wird in der Betrachtung der Life-Cycle-Kosten ersichtlich, wo über die Lebensdauer der Immobilie – bei Bahnhöfen sprechen wir hier von 50 Jahren und mehr – deutliche Einsparungspotentiale vorhanden sind gegenüber herkömmlicher Bauweise und Verwendung standardisierter Produkte.

Matthä: Ebenso wie die Bahn verbindet auch die Architektur Menschen. Bahnhofsarchitektur überdauert die Zeit und fungiert oft als städtebauliche Landmark. Die Freimachung von innerstädtischen Bahnhofsarealen gibt den Städten die Chance zur Modernisierung und städtebaulichen Entwicklung. Die auf den Flächen zu bauende Kubatur soll sich einerseits harmonisch einfügen und architektonisch mit den umliegenden Gebäuden verschmelzen, andererseits gilt es sowohl wirtschaftlichen als auch künstlerischen Kriterien gerecht zu werden und die gesellschaftlichen Werte in der Architektur widerzuspiegeln.

Im Zuge der Bahnhofsoffensive arbeiten die ÖBB seit Jahren an der Verbesserung der baulichen Gegebenheiten ihrer Immobilien. Welche Projekte sind aktuell in Ausführung. Welche kommen in naher Zukunft?

Bauer: Um das Reisen mit der Bahn so angenehm wie möglich zu machen, haben wir bereits vor über zehn Jahren unser Programm „Bahnhofsoffensive“ gestartet. Seitdem wurden mehr als 100 Bahnhöfe und Haltestellen renoviert, modernisiert und auf höchste Standards in puncto Kundenfreundlichkeit, Service und Sicherheit gebracht. Jährliche Kundenumfragen geben uns recht: Kunden schätzen vor allem den Komfort – Barrierefreiheit, Helligkeit und das vielfältige Nahversorgungsangebot stehen auf der Bewertungsskala ganz oben. Mit unserer Offensive bei den Großbahnhöfen kreieren wir sowohl architektonische Wahrzeichen als auch effiziente Verkehrsdrehscheiben. Durch die Errichtung von Einkaufs-, Dienstleistungs- und Servicezentren an den größten Bahnhöfen schaffen wir darüber hinaus multifunktionale, pulsierende Orte und werten vielfach ganze Stadtteile und Regionen auf. Ende 2015 ging der Umbau der größten Bahnhöfe in die Zielgerade: Mit der Vollinbetriebnahme des Wiener Hauptbahnhofs und der Fertigstellung des Grazer Hauptbahnhofs haben wir alle Bahnhöfe mit Frequenzen von täglich über 20.000 Reisenden modernisiert. Darüber hinaus modernisieren wir in ganz Österreich auch unsere „kleineren“ Bahnhöfe.

Wird die Bahnhofsoffensive irgendwann abgeschlossen sein – oder muss man dann wieder von vorne mit der Sanierung beginnen?

Bauer: Die Bahnhofsoffensive ist mit der Fertigstellung der Großbahnhöfe nicht abge-schlossen, sondern geht österreichweit weiter. Unser Ziel ist, dass im Jahr 2025 90 Prozent der Fahrgäste von modernen und barrierefreien Bahnhöfen profitieren.

Wie sollte der Bahnhof von morgen aussehen? Was muss er können? Wie soll er gestaltet sein?

Bauer/Matthä: Die neuen Bahnhöfe sind heute witterungsgeschützte funktionale Begegnungszonen der Mobilität mit optimaler Ver-knüpfung verschiedener Verkehrsmittel, komfortablen Aufstiegshilfen und integrierten Servicebereichen. Diese Bahnhofstypen sind offene, flexible Bauwerke und vielfach keine klassisch gestalteten Gebäude mehr. Bahnhöfe haben unterschiedlichste Nutzerschichten zu bedienen. Deren erster Eindruck beim Ankommen, Abfahren oder auch Verweilen auf einem Bahnhof ist individuell verschieden, aber ganz entscheidend für Gefallen oder Ablehnung – vergleichbar mit dem ersten Eindruck bei der Begegnung zweier Menschen. Der Bahnhof ist sozusagen die Visitenkarte unseres Unternehmens.

Wann funktioniert für Sie Bahnhofsarchitektur?

Bauer/Matthä: Bahnhöfe sind die wesentlichen Imageträger der gesamten Bahninfrastruktur. Sie sind das Eintrittsportal für unsere Mobilitätsangebote. Ihre Architektur hat primär den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden zu dienen, soll aber auch eine positive Außenwirkung erzeugen. Zudem müssen Bahnhöfe heute vielschichtige Funktionen und Aufgaben erfüllen, sind sie doch gleichzeitig städtische Zentren, Drehscheiben der Mobilität und Impulsgeber für die Stadtentwicklung. Der Fokus bei der Gestaltung von Bahnhöfen liegt daher auf Komfort und Benutzerfreundlichkeit, Information, Transparenz und Übersichtlichkeit sowie der Verwendung hochwertiger Materialien und zeitloser Ästhetik.

Großbauprojekte wie der neue Wiener Hauptbahnhof haben Vorbildfunktion auch in der organisatorischen Abwicklung. Wenn man einen Vergleich mit anderen Großbauprojekten dieser Art zieht (z. B. Stuttgart), gab es beim Wiener Hauptbahnhof kaum bis keine Anrainer-Einsprüche? Wie wurde das geschafft?

Bauer: Dass dieses Jahrhundertprojekt – das auf 109  ha einen Bahnhofsneubau mit komplett neuer Stadtentwicklung mitten in der Stadt verbindet – so reibungslos abgelaufen ist, hängt natürlich von mehreren Faktoren ab. Maßgeblich war es, eine frühzeitige, ehrliche, kontinuierliche, sehr partnerschaftliche und vor allem auch strategisch angelegte Kommunikation mit allen Beteiligten, den politischen Vertretern, den Anrainern und allen anderen Stakeholdern zu führen. Bei Bezirksforen, Wanderausstellungen, Runden Tischen und Tagen der offenen Baustelle wurden alle Stimmen und Meinungen zum Projekt ernst genommen und behandelt. Ein weiterer wichtiger Faktor, nämlich die Basis für diese gelungene Kommunikation, waren die Menschen dahinter: Das waren Projektleiter und Mitarbeiter, die diese Form der Kommunikation mit vollem Einsatz befürworteten, unterstützten und betrieben. Es gab auch einen Ombudsmann, der allen Anrainer-Beschwerden mit großer Menschlichkeit begegnet ist. Letztendlich war es natürlich auch der grundsätzliche politische Konsens zum Projekt, der eine planmäßige Umsetzung mit rascher Planungs-, UVP(Umweltverträglichkeitsprüfung)- und Bauphase ermöglicht hat.

Was müssen junge Architekten mitbringen, um für die ÖBB als Partner bei der Planung in Frage zu kommen?

Matthä: Junge Architekten müssen Innovationsgeist, ein Verständnis für Infrastruktur-bauten und deren Anforderungen für Reisende und Nutzer (intern wie auch extern) mitbringen. Ebenso ein großes Verständnis für die Konzernstrukturen der ÖBB. Durch die Vergabekriterien gemäß Bundesvergabegesetz sind entsprechende Vorgaben zu beachten, allerdings sind in Einzelbereichen Direktvergaben an ausgewählte Planer möglich. Junge Architekten kommen in der Regel über Architektenwettbewerbe zu Aufträgen, wie z. B. die Designstudie für die Weiterentwicklung der Kundensanitäranlagen auf Personenbahnhöfen im letzten Jahr. Im Rahmen der Bahnhofsoffensive haben bereits viele Jungarchitekten ihre Chance bei den ÖBB bekommen.

ÖBB Infra – Daten und Fakten

Im Oktober 2009 wurde die ÖBB Infrastruktur AG rückwirkend mit 01.01.2009 gegründet und beschäftigt aktuell rund 17.700 Mitarbeiter/innen. Sie ist eine 100%ige Tochter der ÖBB-Holding AG, die ihrerseits zu 100 Prozent im Eigentum der Republik Österreich steht.

Planen und Bauen

Schieneninfrastrukturprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 2 Mrd. Euro pro Jahr bis 2018.

Investitionsschwerpunkte

  • Ausbau des baltisch-adriatischen Korridors
  • Viergleisiger Ausbau der Weststrecke
  • Fortsetzung der Bahnhofs-offensive mit den aktuellen Projekten Wien Hauptbahnhof, Salzburg Hbf., Graz Hbf.
  • Nahverkehrsvorhaben in Ballungsräumen
  • Lärmschutzmaßnahmen
  • Errichtung von Park&Ride-Anlagen
  • Ausbau der Tunnelsicherheit auf Bestandsstrecken
  • Umfassende Reinvestitionen