Historische Industriearchitektur in neuem alten Glanz

  • Hochbau 21 lautet der pragmatische Name für das rundum sanierte und neu adaptierte ehemalige Fabriksgebäude auf dem Gelände der Spinnerei Blumer in Freienstein im Kanton Zürich. © Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Die kompakte Erschließungszone erlaubt maximale Flächenausnutzung für die Studios, Ateliers und die zweigeschoßigen Wohnlofts.© Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Wohnen und Arbeiten unter einem Dach in einem der modernen Lofts hinter der historischen Fassade.© Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Die kompakte Erschließungszone erlaubt maximale Flächenausnutzung für die Studios, Ateliers und die zweigeschoßigen Wohnlofts.© Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Atelierräume im Sockelgeschoß mit Sandsteinwänden. © Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Die kompakte Erschließungszone erlaubt maximale Flächenausnutzung für die Studios, Ateliers und die zweigeschoßigen Wohnlofts.© Beat Bühler/Saint-Gobain
  • Erschließung mit natürlicher Belichtung.© Beat Bühler/Saint-Gobain

Bis ins Jahr 1990 herrschte am Areal der Spinnerei Blumer in Freienstein nahe Zürich rege Betriebsamkeit. Dann wurde der Betrieb ein- und der Firmenzweck umgestellt. Seitdem betätigt sich das Unternehmen als Immobilienentwickler für die am Firmenbesitz befindlichen Liegenschaften.

Über Generationen hinweg war die Firma Blumer Arbeitgeber und zentraler Bestandteil der 2.000-Seelen-Gemeinde Freienstein im Schweizerischen Kanton Zürich. Rund 50.000 Quadratmeter umfasst das riesige Areal, das als wichtiger Zeitzeuge für eine wirtschaftliche, soziale und baukünstlerische Epoche unter Denkmalschutz steht. Was die Verwertung der Liegenschaft nach dem Betriebs-Aus nicht gerade erleichtert hätte. Deshalb beschlossen die ehemaligen Firmenbesitzer einen Neustart als Immobilienentwickler und starteten die groß angelegte Umplanung und Neunutzung des Geländes samt dem historischen Baubestand.

Zu neuem Leben erweckt

Ein Großteil des Baubestandes der ehemaligen Spinnerei stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe verschiedenster Ausrichtung haben sich bereits wieder angesiedelt und den historischen Baubestand für ihre Zwecke adaptiert. Zudem entstanden Ateliers, Lofts und Wohnungen bzw. auch wieder Lagerflächen in den architektonisch weniger ansprechenden, alten Lagerhallen. So werden die ehemaligen Gießereigebäude heute überwiegend als Lager- und Einstellhallen oder Hobby- und Bastelräume genutzt. Schon sehr früh hat die damalige Firmenleitung für ihre Mitarbeiter Wohnhäuser errichtet. Die ältesten stammen ebenfalls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und werden auch heute wieder als Wohnungen genutzt.

Markantes Wahrzeichen

Das volumenmäßig größte Gebäude auf dem alten Fabriksgelände ist ein sechsgeschoßiger Baukörper, ganz pragmatisch als Hochbau 21 benannt. Er gilt als Wahrzeichen für das Spinnereigelände, wurde im Jahr 1837 erbaut und steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Knapp 180 Jahre nach seiner Errichtung wurde der Hochbau 21 zwischen 2012 und 2014 rundumerneuert. Heute finden sich Keller, Lager und Ateliers im Erdgeschoß und hochwertige Wohn- und Arbeitsflächen in den Ober-geschoßen. 21 zweigeschoßige Wohnlofts, fünf loftartige Büros sowie 13 Ateliers bzw. Hobbyräume sind im Zuge des Umbaus entstanden.

Sensible Planung

Für die Planung zeichnen moos. giuliani. hermann. architekten verantwortlich. Die größten Herausfor-derungen dabei waren die Entwicklung von Loftgrundrissen mit maximaler Nutzungsflexibilität bei gleichzeitigem Erhalt des möglichst ursprünglichen Fabrikscharakters. Ebenso stand auch die Optimierung der vermietbaren Fläche ganz oben auf der Agenda für die Planer. Möglich wurde das durch ein intelligentes Erschließungssystem und die Bündelung aller Installationsleitungen in einem gemeinsamen Steigschacht. Auf diese Weise konnten nicht nur ein Maximum an nutzbarer Fläche erreicht werden, sondern auch höchste Flexibilität in der Nutzung und durchgesteckte Grundrisse, die eine zweiseitige Belichtung aller Nutzungseinheiten ermöglichen.

Der Trockenbau macht’s möglich

Die Umnutzung der Großstruktur in kleinteilige Nutzungseinheiten verlief – für alle Beteiligten nicht überraschend – auch nicht ohne bautechnische und bauphysikalische Herausforderungen. Immerhin erreicht das von Grund auf sanierte Gebäude den schweizerischen Minergie-Standard – vergleichbar mit der Niedrigenergiebauweise –, was für die Bewohner und Nutzer des Gebäudes eine wesentliche Reduktion der Betriebskosten mit sich bringt.

Die Vorgabe des Minergie-Standards erforderte unter anderem den Einbau einer kontrollierten Raumlüftung für alle Nutzungseinheiten. Als größere Herausforderung gestaltete sich aber der Erhalt der alten Fenster. Um das originalgetreue Erscheinungsbild nicht zu stören, wurden diese „aufgedoppelt“ und mit einer Isolierverglasung versehen. So konnte der historische Charme der alten Fenster mit ihren gusseisernen Beschlägen erhalten werden.

Aber auch im Innenausbau gab es einige Hürden zu meistern. Schließlich werden sowohl an den Brandschutz als auch an den Schallschutz im Wohnbau höchste Anforderungen gestellt. Um die alte hölzerne Tragstruktur zu erhalten und vor allem sichtbar zu belassen, wurde eine sekundäre Tragstruktur eingefügt, die hinter dem trockenen Innenausbau nicht nur unsichtbar bleibt, sondern im Brandfall auch entsprechend geschützt ist. Dafür wurde die Decke über dem Erdgeschoß mit 40 Millimetern Alba®balance Bauplatten in der Feuerwiderstandsklasse EI 60 bekleidet. In den Wohngeschoßen sorgen zwei Lagen Bauplatten RF mit jeweils 12,5 Millimetern Stärke sowohl im Decken- als auch im Wandbereich für entsprechenden Brand- wie auch Schallschutz. Darüber hinaus bringt der Trockenbau aber auch ein harmonisches Neben- und Miteinander der Gebäudenutzer mit sich, indem er für einen hochwertigen Schallschutz zwischen den unterschiedlichen Nutzungseinheiten sorgt. Auf diese Weise ließen sich schalltechnische Anforderungen nicht nur erfüllen, sondern sogar überdurchschnittliche Werte erzielen und damit die Wohnqualität im Hochbau 21 deutlich erhöhen.

Ausgezeichnet

Die sensible Adaptierung des Hochbaus 21 wurde im vergangenen Jahr auch bei der 10. Saint-Gobain Gypsum Trophy in Prag ausgezeichnet. Die Jury würdigte vor allem den durchdachten und umsichtigen Eingriff in die historische Bausubstanz und zeigte sich beeindruckt vom geschickten Einsatz von Trockenbausystemen, die einen maßgeblichen Beitrag zur Realisierung des Projekts leisten.

Fakten

BSC-Areal Freienstein, Hochbau 21 Freienstein/Schweiz  
Bauherr: Blumer Söhne + Cie. AG, Freienstein
Architektur: moos. giuliani. hermann. architekten, Uster und Diessenhofen
Statik: ibeg – bauengineering gmbh., Reto, Ambass, Uster
Elektroplanung: EKZ Eltop, Illnau
Heizung/Lüftung/Sanitär: Storrer Gebäudetechnik GmbH, Hittnau
Bauphysik: bau, energie und umwelttechnik, Andelfingen
Umbauter Raum: 23.610 m3
Fertigstellung: 2014