Dreidimensionales Wohn-Puzzle

  • neunerhaus
    neunerhaus
    Das neunerhaus in der Hagenmüllergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk zeichnet sich nicht nur durch maximale Individualität in der Grundrissgestaltung, sondern auch durch seine klimaschonende Bauweise im Passivhausstandard aus.© Hertha Hurnaus
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Der eigentlich recht enge, tiefe Hof ist für den Aufenthalt im Freien und als Zugang zur Cafeteria – von den Bewohnern und Bewohnerinnen betrieben – ein sozialer Dreh- und Angelpunkt im Gebäude.© Hertha Hurnaus
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Einfach, aber ansprechend – das ist das Leitbild, das sowohl für die Gestaltung des Interieurs als auch für die Wahl der funktionalen Möblierung gilt.© Johanna Rauch
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Kommunikation wird im neuen neunerhaus großgeschrieben. Vom Keller bis zum Dach bieten unterschiedlichst gestaltete Kommunikationszonen den Bewohnern und Bewohnerinnen Treffpunkte zum Plaudern und zum persönlichen Austausch – untereinander oder mit den Sozialarbeitern, Ärzten oder Betreuern im Haus.© Johanna Rauch
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Die Treppenhäuser, Erschließungszonen und Gangbereiche im neunerhaus dienen nicht nur als Verteilerebene, sondern in erster Linie der Kommunikation. © Johanna Rauch
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Variantenreich gestaltet, geschoßweise unterschiedlich und in weiten Bereichen mit Tageslicht versehen bieten sie Platz und Raum für zwanglose Gespräche.© Johanna Rauch
  • neunerhaus
    neunerhaus
    Variantenreich gestaltet, geschoßweise unterschiedlich und in weiten Bereichen mit Tageslicht versehen bieten sie Platz und Raum für zwanglose Gespräche.© Johanna Rauch

Ganz in der Wiener Tradition der sozialen Verantwortung im Wohnbau und doch ganz anders als der klassische soziale Wohnbau – so präsentiert sich das neunerhaus, ein Wohnhaus für Obdachlose im dritten Wiener Gemeindebezirk. Anspruchsvolle Architektur im Passivhausstandard außen, ein Netzwerk aus individuellen Kleinwohnungen, Stiegen, Gängen und Erschließungszonen, die sich zu Orten der Begegnung weiten, im Inneren.

Ein Dach über dem Kopf ist eines der zentralen menschlichen Grundbedürfnisse. Ein Grundbedürfnis, das für eine steigende Zahl an Menschen alles andere als selbstverständlich ist. Über 4.500 Wohn- und Schlafplätze für Obdachlose gibt es derzeit in der Bundeshauptstadt. Eine stattliche Zahl und doch viel zu wenig für die geschätzten rund 8.000 Menschen allein in Wien, die auf der Straße leben.

Wohnen neu lernen

Umso wichtiger erscheint vor diesem Hintergrund die Initiative von Non-Profit-Organisationen wie dem 1999 ins Leben gerufenen neunerhaus. Die Wiener Hilfsorganisation stellt nicht nur Schlafmöglichkeiten und Wohnplätze zur Verfügung, sondern hilft Menschen ohne Obdach dabei wieder Fuß zu fassen und – so eigenartig das auch klingen mag – wieder wohnen zu lernen. Denn wer jahrelang auf der Straße gelebt hat, braucht tatsächlich Unterstützung, um wieder in die Normalität zurückzufinden. Eine der vorrangigen Zielsetzungen des Vereins neunerhaus ist es daher, Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, um deren Lebenssituation nachhaltig zu verbessern. In drei Wohnhäusern und rund 80 durch Housing First betreuten „Start“-Wohnungen finden jährlich rund 500 Menschen ein Zuhause. Zusätzlich werden über 3.500 Menschen in der Arzt- oder Zahnarztpraxis direkt im neunerhaus in der Hagenmüllergasse betreut – Tendenz deutlich steigend.

Zurück zu den Wurzeln

Der Standort Hagenmüllergasse hat Geschichte für den Verein neunerhaus. Hier hat im Jahr 2001 alles begonnen – mit dem ersten Wohnhaus für ehemals Wohnungslose. „Das neunerhaus in der Hagenmüllergasse war unser allererstes Wohnangebot für obdachlose Menschen. Der Neubau der ‚Hamü‘ ist daher für den gesamten Verein ein Meilenstein“, betont Markus Reiter, Geschäftsführer des neunerhauses. Notwendig wurde der Neubau aufgrund des schlechten Gesamtzustandes der zwei ehemaligen Zinshäuser aus der Jahrhundertwende, die nach zehn Jahren Betrieb so baufällig waren, dass der Neubau die einzig wirtschaftlich sinnvolle Lösung für ein Fortbestehen des Standortes darstellte. Mit 73 Wohneinheiten für 79 wohnungslose Menschen bietet das neue Haus zudem auch 20 zusätzliche Plätze für betreutes Wohnen und Übergangswohnen, bei dem Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen den Neustart in die eigenen vier Wände begleiten.

With a „little“ help

Möglich gemacht wurde der Neubau durch viele Unterstützer. Allen voran die Ordensgemeinschaft Don Bosco, die als Liegenschaftseigentümer auch weiterhin das Grundstück zur Verfügung stellt, auf dem die Wohnbauvereinigung der Privatangestellten WBV-GPA als Baurechtsnehmerin den Neubau errichtete. Für diese Neuerrichtung wurden von der Stadt Wien Mittel aus der Wohnbauförderung zur Verfügung gestellt. Mit rund 1,6 Millionen Förderung beteiligte sich die Stadt Wien an den Gesamtbaukosten in der Höhe von knapp über 6,2 Millionen Euro. „Die Stadt Wien hilft beim Wohnen, wo sie kann. Sie hat ein dichtes und wirkungsvolles Netz an Hilfen aufgebaut, das noch nie so engmaschig war wie heute. Darüber hinaus wird mit Mitteln aus der Wiener Wohnbauförderung auch Wohnraum für notleidende Menschen geschaffen“, hebt Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig hervor. Rund 48 Millionen Euro wendet die Stadt Wien jährlich für die Wohnungslosenhilfe auf. „Damit stellen wir sicher, dass Menschen, die Unterstützung brauchen, in Wien wieder auf die Beine kommen und den Weg in ein eigenständiges Leben schaffen. Das neunerhaus in der Hagen-müllergasse stellt dafür einen wichtigen Puzzlestein dar“, erklärte Mag. Sonja Whesely, ehemalige Wiener Gesundheits- und Sozialstadträtin.

Anspruchsvolle Architektur

Das neue neunerhaus ist das Ergebnis eines geladenen Architekturwettbewerbes, bei dem sich das Team der Wiener pool Architekten gegenüber seinen Mitstreitern behaupten konnte. Das Konzept des Gebäudes gründet nach der Planung von pool auf drei Eckpfeilern: Offenen, weitgehend natürlich belichteten Kommunikationszonen, die das gesamte Gebäude durchziehen. Weiters eine Vielzahl von unterschiedlichen, kompakten Wohneinheiten mit optimierten Sanitärzellen und schließlich einer weitgehend standardisierten, modularen Grundmöblierung.

Funktional gliedert sich das Haus in eine Ab-folge von öffentlichen Bereichen – wie dem Büro- und Ärztezentrum im Erdgeschoß und den natürlich belichteten Gemeinschaftsräumen sowie Lagerflächen im Untergeschoß – zu den privaten Wohnbereichen mit vielfältigen Gemeinschaftszonen in den Obergeschoßen.

Die Architektur des Gebäudes soll die Kommunikation seiner Bewohner erleichtern und fördern. Dem kommunikativen Aspekt wird vonseiten der Betreiber höchste Bedeutung beigemessen, weshalb es für die Planer essentiell war, außerhalb der privaten Wohneinheiten ein vielfältiges Angebot zum persönlichen Austausch bereitzustellen. Gelungen ist dies, indem der öffentliche Raum – vom Untergeschoß bis unters Dach – eine Art Promenade bildet. Diese präsentiert sich in jedem Geschoß ein bisschen anders – sowohl was den Zuschnitt betrifft als auch in Bezug auf die Aus-blicke in die Umgebung.

Kein Stockwerk gleicht dem anderen

Individualität wird nicht nur in Bezug auf die Bewohner des neunerhauses großgeschrieben, auch die Architektur zeigt sich in ungewohnter Vielfalt im Inneren des Gebäudes. „Jedes Geschoß bietet eigene Situationen und Treffpunkte zum Plaudern und Verweilen. Die Aufenthaltsbereiche direkt an der Fassade werden im Brandfall mit Brandschutztoren geschlossen. Das ermöglicht deren völlig eigenständige Nutzung und Möblierung“, beschreiben die Architekten ihr Raumprogramm.

Aber auch in Bezug auf die Wohneinheiten herrscht Variantenvielfalt. Um den unterschiedlichsten Anforderungen der Bewohner und Bewohnerinnen gerecht zu werden, haben pool Architekten ein maximales Angebot an unterschied- lichen Wohnungszuschnitten entwickelt. Der umfassende Einsatz von Trockenbauwänden bei der Organisation des Innenraumes bietet maximalen und im Bedarfsfall einfach adaptierbaren Variantenreichtum bei der Grundrissgestaltung.

In einem Gebäude, in dem Kommunikation im Mittelpunkt steht, muss aber auch für einen ausreichenden Schallschutz gesorgt werden. Deshalb wurden im Zuge des trockenen Innenausbaus unter anderem rund 2.000 Quadratmeter Rigips Duo’Tech Platten verbaut. Durch ihren speziellen Aufbau aus zwei Lagen 12,5 Millimeter starker Spezialplatten – die mittels High-Performance-Kleber kraftschlüssig miteinander verbunden sind – wird der Schallschutz deutlich verbessert. So kann in einem Arbeitsgang das Schalldämmmaß um bis zu 13 Dezibel erhöht werden, was einer Halbierung des Lärms entspricht. Im Vergleich mit einer herkömmlichen Trockenbauweise mit gleichen schalldämmenden Eigenschaften ergibt sich zudem auch ein um rund 25 Prozent schnellerer Arbeitsfortschritt, da die doppelte Beplankung in einem Arbeitsgang erledigt wird. Das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Baukosten aus. Einen zweiten Baustein des Gebäudekonzeptes bilden die standardisierten Sanitäreinheiten. Dabei sind die Bäder des Sonderwohnbedarfs im ersten und zweiten Obergeschoß so ausgeführt, dass sie alle Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen, während alle anderen Sanitärzellen der Standardeinheiten als optimierte Kompaktzellen ausgeführt sind.

Als letzter Grundbaustein des Wohnkonzepts fungiert die standardisierte Grundeinrichtung, die alle Grundanforderungen ans Wohnen erfüllt. Küchen, Betten und Schränke basieren auf ein- fachen Grundmodulen und werden lediglich in Anzahl und Positionierung an die unterschiedlichen Wohnungen angepasst. Damit bleibt trotz Grundmöblierung auch noch ausreichend Freiraum für Persönliches der Bewohner.

Kein Haus wie jedes andere

Schon von außen sieht man dem imposanten Eckgebäude an der Kreuzung Hagenmüllergasse/Lechnerstraße in Wien-Erdberg an, dass es sich um kein gewöhnliches Wohnhaus handelt. Außergewöhnlich im besten Sinne – denn die unregelmäßigen Fensteröffnungen der Fassade spiegeln die differenzierten Wohnungen dahinter wieder. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen sich nicht in normierten, aufgereihten Einheiten verwahrt fühlen.

„Die Architekten und Architektinnen haben die Funktionsbeschreibungen und Anforderungen des Betreibers in ein ungewöhnliches Raumprogramm umgesetzt, das anschließend vom Bauträger engagiert und mutig realisiert wurde“, heißt es beispielsweise im Jurytext des Bauherrenpreises 2016, mit dem der Neubau kurz nach seiner Fertigstellung ausgezeichnet wurde.

„Wenn man Sozialarbeit ‚bauen‘ kann, wenn man durch architektonische Konzeption Obdachlosen ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges und betreutes Wohnen ermöglichen kann, wenn man mit Architektur die Resozialisierung unterstützen kann, so wird das in diesem Gebäude in beeindruckender Weise geleistet“, so die Begründung der Jury des Bauherrenpreises.

Gar nicht Standard ist aber auch die Bauweise, denn trotz engen Budgets und im Hinblick auf möglichst geringe Betriebskosten wurde das Gebäude im Passivhausstandard errichtet. Damit ist das neunerhaus auch das erste ökologische Passivhaus der Wohnungslosenhilfe.

„Wir sind stolz die Ersten zu sein, die ein Haus für Wohnungslose mit höchst ambitioniertem Klimaschutzanspruch bauen. Wir sehen es als unsere Verantwortung und Aufgabe, mit und für soziale Organisationen beispielgebende und zukunftsweisende Einrichtungen zu realisieren“, erklärt Michael Gehbauer, WBV-Geschäftsführer.

Kasten: pool Architektur ZT GmbH Im April 1998 gründeten Christoph Lammerhuber, Axel Linemayr, Florian Wallnöfer und Evelyn Rudnicki die Arbeitsgemeinschaft pool. Schon seit Ende der 1980er Jahre arbeitete das Team in unterschied-lichen Konstellationen mit Architekturpartnern zusammen. Zum Beispiel unter dem Gruppennamen BKK-2 mit Johann Winter, mit dem sie mehrere Wohn- bauten planten, unter anderem das Wohnheim Sargfabrik, das im Jahr 1996 mit dem dem Loos-Preis sowie dem Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten ausgezeichnet wurde.

Fakten:

neunerhaus: Wohnhaus für Obdachlose Hagenmüllergasse 34, 1030 Wien  
Bauträger: WBV-GPA, Wien, in Kooperation mit neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen, Wien
Architektur: pool Architektur ZT GmbH, Wien
Statik: ste.p ZT GmbH
Landschaftsplanung: rajek barosch landschaftsarchitektur, Wien
Wohneinheiten: 73
Bruttogrundfläche: 3.856 m2  
Grundstücksfläche: 566 m2
Architekturwettbewerb: 2011–2012
Planungsbeginn: 2012
Baubeginn: April 2012
Fertigstellung: März 2015
Auszeichnung: ZV-Bauherrenpreis 2016

 Mehr Informationen zum neunerhaus unter www.neunerhaus.at