„Woodscrapers“ auf dem Vormarsch

  • Mit neun Geschoßen in massivem Brettsperrholz auf einem Sockelgeschoß aus Stahlbeton und einer Nutzfläche von über 16.000 Quadratmetern ist das Gebäude in der Londoner Dalston Lane zwar nicht der höchste, aber derzeit der größte Holzbau der Welt. © Regal Homes
  • „Niemals zuvor wurde für ein Gebäude aus nur einem Baukörper mehr statisch relevantes Brettsperrholz verwendet.“ binderholz, Fügen © Regal Homes
  • Lärm- und staubarme Baustelle: Mittels Kran werden die einzelnen Wand- oder Deckenelemente vom Tieflader gehoben und an Ort und Stelle versetzt, wo sie vom Montageteam empfangen und montiert werden.© binderholz, B&K Structures
  • In England muss es Ziegel sein: Die Holzkonstruktion verbirgt sich hinter einer vorgehängten, nicht tragenden Klinkerfassade. So soll sich das Gebäude nahtlos in die bauliche Umgebung einfügen.© binderholz, B&K Structures

Großvolumiger Holzbau mitten in der Stadt? Das ist keine Utopie mehr! Europa ist auf dem Holzweg – und zwar im positivsten Sinne des Wortes. Von Mailand über Wien, Zürich und Hamburg bis nach Großbritannien zeigen herausragende Holzbauprojekte, welches Potential Bauen mit Holz im urbanen Kontext in sich birgt. In London wird aktuell der weltweit größte Massivholzbau errichtet – mit (Holz)Bau-Know-how aus Österreich.

Was bis vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten wurde, nimmt in immer mehr europäischen Metropolen bauliche Gestalt an: großvolumige, mehrgeschoßige Gebäude in Holzbauweise. Im Zuge der Ökologisierung des Bauens, der Notwendigkeit, CO2-Emissionen zu reduzieren, und des sorgsamen Umgangs mit endlichen Ressourcen gewinnt Holz als Baumaterial zu- nehmend an Bedeutung. Kaum eine Stadt, die auf ihr ökologisches Gewissen hält, die mittlerweile nicht auch mit einem großformatigen Holzbau aufwarten kann.

Die britische Hauptstadtmetropole nimmt dabei europaweit eine Sonderstellung ein. Keine andere Großstadt zeigt sich so beherzt beim Einsatz innovativer Baulösungen mit dem Baustoff Holz. Während sich die Baugesetzgebung hierzulande dem Holzbau mit vorsichtiger Zurückhaltung nähert, ist man in London schon einen großen Schritt weiter. Dort entstanden in den vergangenen Jahren „Woodscrapers“ – sprich Holzbauten mit bis zu zehn Stockwerken. Und der Trend hält an! Die schnell wachsende Metropole verzeichnet einen Bevölkerungszuwachs von jährlich bis zu 100.000 Menschen. Entsprechend hoch auch der Bau- bzw. Wohnraumbedarf. Der Holzbau mit seinem hohen Vorfertigungs- und Automatisierungsgrad hat hier die Nase vorn. Durch die witterungsunabhängige Vorfertigung in der Werkshalle und die saubere und präzise Montage vor Ort verzeichnet das Bauen mit Holz eine extrem niedrige (Bau)Fehleranfälligkeit und verfügt über eine überdurchschnittlich hohe Ausführungsqualität. Bei gleichzeitig deutlich kürzeren Errichtungszeiten im Vergleich mit klassischen Massivbauvarianten.

Größenrekord

Im Londoner Stadtteil Hackney, in der Dalston Lane, entstehen derzeit rund 120 Wohnungen mit einer Gesamtnutzfläche von über 12.500 Quadratmetern sowie gewerbliche Nutzflächen im Umfang von cirka 3.500 Quadratmetern. Der gesamte Gebäudekomplex wird in Brettsperrholz errichtet und ist damit flächenmäßig der aktuell größte Massivholzbau der Welt.

Über 4.500 Kubikmeter Brettsperrholz BBS liefert das Tiroler Unternehmen binderholz aus Fügen im Zillertal in die britische Hauptstadt für die Errichtung des zehnstöckigen Wohngebäudes. Für die Planung zeichnet der bekannte britische Architekt Andrew Waugh verantwortlich, der in Brettsperrholz den massiven Baustoff der Zukunft sieht. „Die Herstellung von Zement ist einer der größten Verursacher von klimaaktiven Treibhausgasen. Bei der Zementproduktion wird mehr CO2 ausgestoßen, als beispielsweise der gesamte Flugverkehr verursacht“, erklärt Waugh seine Vorliebe für den natürlichen, nachwachsenden Bau- und Werkstoff Holz.

Zehn Stockwerke hoch, exakt 33 Meter, wird das Gebäude in der Dalston Lane, davon neun aus massivem Brettsperrholz auf einem Sockelgeschoß in Betonbauweise. Alle tragenden Außenwände, Zwischen- und Kernwände inklusive der Geschoßdecken sind in Holz vorgefertigt.

„Niemals zuvor wurde für ein Gebäude aus nur einem Baukörper mehr statisches relevantes Brettsperrholz verwendet“, heißt es vonseiten des Holz-Fertigteillieferanten binderholz. Dank des hohen Vorfertigungsgrades erfolgt die Errichtung des Großprojekts deutlich schneller als vergleichsweise in Stahlbeton – und auch mit deutlich weniger Staub- und Lärmentwicklung, was vor allem den Anrainern zugutekommt. Per Tieflader werden die einzelnen Holzbauelemente an die Baustelle angeliefert, mittels Kran in die richtige Position gehoben und anschließend nur noch verschraubt.

„Wir können mit Brettsperrholz einen Holzmassivbau zu denselben Kosten, aber in der Hälfte der Zeit errichten, die wir für einen konventionellen Massivbau benötigen würden. Und wir verwenden dabei fast ausschließlich nachwachsende, natürliche Ressourcen“, erklärt Andrew Waugh. „Außerdem können wir auf diese Art auch Großbauprojekte mitten in der Stadt realisieren – nahezu ohne Lärmentwicklung. Das einzige, was Sie auf der Baustelle hören können, ist das Pfeifen der Bauarbeiter.“ Die hölzerne Konstruktion soll eine Haltbarkeit von mindestens 150 Jahren aufweisen und am Ende des Lebenszyklus kann das Gebäude in seine Einzelbestandteile demontiert und nahezu vollständig recycelt, wiederverwendet oder thermisch verwertet werden.

Gut versteckt

Das Gebäude in der Dalston Lane ist Teil einer seit Jahren voranschreitenden Verjüngungskur der Bausubstanz im Stadtteil Hackney. Nach der Fertigstellung, die für Oktober dieses Jahres geplant ist, wird man vom Holzbau (leider) nicht viel sehen. Denn der gesamten Holzkonstruktion wird außenseitig eine nicht tragende Ziegelfassade vorgesetzt. Damit soll sich der Baukörper nahtlos in das orts-typische Stadtbild einfügen. „Abgesehen von der Tatsache, dass es sich um den volumenmäßig größten Brettsperrholzbau der Welt handelt, stellt das Gebäude ein maßgebliches Beispiel dar, wie eine Holzkonstruktion im großvolumigen Objektbau funktionieren kann. In Holz lassen sich heutzutage hochverdichtete, gemischt genutzte Großgebäude bauen, deren Bewohner sich inmitten des nach-haltigen Baumaterials pudelwohl fühlen können“, so die holzerfahrenen Architekten.

Positive Ökobilanz

Im Vergleich zu einer konventionellen Bauweise in Stahlbeton – wie bei Gebäuden dieser Größenordnung üblich – werden in der Dalston Lane insgesamt 2.400 Tonnen CO2 eingespart. Bezieht man jene Menge Kohlendioxid, die im verbauten Holz gespeichert ist, in die Ökobilanz mit ein, dann ist das Gebäude de facto CO2-neutral.

Brettsperrholz (BSP) ist ein flächiges, massives Holzprodukt für tragende Außen- und Innenwände sowie Deckenkonstruktionen. BSP besteht aus zumindest drei Brettlagen, die rechtwinkelig zueinander flächig verklebt sind und im Allgemeinen einen symmetrischen Querschnitt ergeben. Für mehrgeschoßige Gebäude und Decken-systeme kommen meist auf Grund der notwendigen Dicke fünflagige Systeme zum Einsatz. Brettsperrholz wird seit 1995 produziert und verbaut. Seine baurechtliche Verwendung wird über nationale Zulassungen oder Europäisch Technische Zulassungen (ETZ) geregelt. Diese enthalten neben den Mindestanforderungen an das Produkt auch die Ausgangsstoffe, Angaben zum Nachweisverfahren und im Falle der ETA auch Vorschriften zur CE-Kennzeichnung. Quelle: ProHolz Austria www.proholz.at  
Fakten  
Wohn- und Gewerbebau 67-71 Dalton Lane, London  
Bauherr Regal Homes London, www.regal-homes.co.uk
Architektur Waugh Thisleton Architects, London, www.waughthisleton.com
Holzbau B & K Strukturen und binderholz in Partnerschaft, www.binderholz.com
Baukosten 24 Mio. Pfund (ca. 30 Mio. Euro)
Fertigstellung Oktober 2016