Grüne Architektur

  • Singapur: Gardens by the Bay nennt sich die über hundert Hektar große Parklandschaft entlang der Meeresküste. Architektur/Stadtplanung: Wilkinson Eyre Architecture/Landschaftsgestaltung: Grant Associates© Craig Sheppard
  • Mit dem 600 Millionen Euro teurem Projekt will sich Singapur als eine der grünsten Millionenstädte der Welt etablieren und die Lebensqualität seiner Bewohner durch diese naturnahe Erholungszone mitten in der Stadt verbessern. Architektur/Stadtplanung: Wilkinson Eyre Architecture/Landschaftsgestaltung: Grant Associates© Craig Sheppard
  • Schon vor der Errichtung der „Gardens by the Bay“ zählte Singapur weltweit zu einer der grünsten Großstädte. Rund 1,3 Millionen Bäume säumen die Straßen der Millionenmetropole, in der nahezu jeder Bewohner einen Park oder eine Grünfläche in fußläufiger Entfernung hat.© Dareen Chin
  • Der Bosco Verticale – der vertikale Wald – ist ein Versuch, gegen die urbane Luftverschmutzung in Mailand anzukämpfen.© Boeri Studio / Barreca&LaVarra
  • Geht es nach dem italienischen Architekten Stefano Boeri sollen die beiden bis zu 100 Meter hohen Prototypen als Vorlage für den Hochhausbau in der ganzen Welt dienen.© Boeri Studio / Barreca&LaVarra
  • Der Flower Tower in Paris verfügt über knapp 400 Blumentröge, die in die Bodenplatten der umlaufenden Laubengänge eingelassen sind. Mit Bambus bepflanzt dienen sie nicht nur der Luftfilterung, sondern reduzieren auch den Geräuschpegel, schützen im Sommer vor Sonne und Überhitzung und sorgen für einen grünen Ausblick.© Edouard François
  • High Line Park New York: Seit dem Jahr 2006 werden die knapp zweieinhalb Kilometer der noch erhaltenen, ehemaligen Hochbahntrasse im Westen von Manhatten schrittweise zu einer Parkanlage umfunktioniert.© Iwan Baan
  • Als grüne Achse zieht sie sich durch die dicht bebauten Straßen und Häuserfluchten.© Iwan Baan

Es grünt so grün, wenn Städte neu erblühen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich unsere Städte zusehends zu lebensfeindlichen Orten verdichtet. Immer mehr Verkehr, immer weniger Grünraum – so viel zum Ist- Zustand. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung: Weltweit haben die Stadtväter ihre ökologische und soziale Verantwortung erkannt und setzen auf Grüne Architektur, um wieder mehr Wohn- und Lebensqualität in die Städte zurückzuholen.

Schon jetzt lebt die Mehrheit der Menschheit in Städten. Waren es in den 1950er-Jahren noch knapp 30 Prozent, so ist es heute bereits mehr als die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung, die Ihr Glück in den urbanen Ballungszentren sucht. Tendenz weiter steigend: In weniger als zwei Jahrzehnten, bis zum Jahr 2030, soll weltweit die Zahl der Stadtbewohner auf über 60 Prozent ansteigen. Die Wohn- und Lebensqualität bleibt dabei leider allzu oft auf der Strecke, denn innerstädtische Bauflächen sind nicht nur rar, sondern auch teuer – und damit viel zu wertvoll, um „nur“ als öffentliche Grün- oder Freifläche zu dienen. Wo Flächen für Parks und Stadtgärten fehlen, bleibt nur die Architektur selbst für grüne Interventionen. Möglichkeiten dazu gibt es viele, von der Fassadenbegrünung und der grünen Umnutzung industrieller Brachflächen über Dachgärten bis hin zu völlig neuen Ansätzen, Städte und ihre Bebauung zu denken und zu planen. Städte, in denen Natur und Architektur nicht nur nebeneinander, sondern miteinander zu einer neuen Qualität des urbanen Lebens führen.

Warum mehr Grün

Pflanzen wirken sich in unterschiedlichster Weise positiv auf das Leben in der Stadt aus. Abgesehen von den rein psychologisch positiven Auswirkungen, die naturnahe Erholungsinseln im dichten Beton- und Asphaltdschungel auf Menschen haben, ist es vor allem der Effekt auf das städtische Kleinklima. Großflächige Fassaden und Dachbegrünungen wirken wie ein Hitzeschild für die Gebäude und können umweltschädliche Klimaanlagen nahezu gänzlich ersetzen. Sie vermindern nicht nur ein Aufheizen der Wohn- und Arbeitsräume, sie reduzieren darüber hinaus auch die Oberflächentemperatur der Baumassen selbst. Dadurch verringert sich automatisch die Wärmeabstrahlung der Baukörper in den Abend- und Nachtstunden, was sich wiederum temperaturreduzierend auf den umgebenden Stadtraum insgesamt auswirkt. Bei Regen wird dieser Effekt noch verstärkt: Die Pflanzen nehmen einen Großteil des Niederschlagswassers auf und kühlen das Stadtklima durch Verdunstung und Ausgleich der Luftfeuchte, sobald wieder die Sonne scheint und die Temperatur steigt. Zusätzlich werden die Wassermengen zeitverzögert abgegeben, was die städtische Kanalisation erheblich entlastet.

Fassadenbegrünungen haben aber noch einen weiteren vorteilhaften Einfluss auf die Umgebung: Flächendeckend bewachsene Fassaden wirken wie riesige Schallabsorber. Durch die Reduktion der Schallreflexion vermindern sie die städtische Geräuschkulisse.

Saubere Stadtluft 

Nicht zuletzt tragen Pflanzen in der Stadt aber auch erheblich zur Verbesserung der Luftqualität bei. Sie filtern die Luft und reichern sie mit Sauerstoff an, binden CO2 und Feinstaubpartikel, die beim nächsten Regenschauer einfach weggespült werden und damit nicht in die ohnehin schon belastete Stadtluft gelangen. Forscher der American Chemical Society haben in einer umfassenden Feldstudie festgestellt, dass Bäume, Sträucher und Gräser in der Lage sind, Stickoxide um 40 Prozent und mikroskopisch kleine Partikel – sprich Feinstaub – um rund 60 Prozent zu verringern. Grüne Interventionen in der Stadt sind also weit mehr als eine reine Maßnahme zur Behübschung des menschlichen Lebensumfeldes. Bedenkt man, dass laut einer aktuellen Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Luftverschmutzung durch Autoabgase jährlich weltweit rund doppelt so viele Menschenleben fordert wie der Verkehr selbst, ist das eine bahnbrechende Erkenntnis, die Anlass zum Umdenken gibt.

Grüner Planen und Bauen

Erste Projekte für eine gesündere und lebenswertere Stadt sind bereits in Realisierung, wie zum Beispiel in Mailand. Die italienische Modemetropole zählt europaweit zu jenen Städten mit der schlechtesten Luftqualität. Mit dem wohl ambitioniertesten Bauprojekt in der Geschichte der Stadt will der italienische Architekt Stefano Boeri ein Pilotprojekt für die zukünftige Errichtung von Hochhäusern und eine Alternative zur Zersiedelung der Stadtränder schaffen. Rund einem Hektar Wald entspricht die Bepflanzung des „Bosco Verticale“, des vertikalen Waldes. 80 bzw. 110 Meter ragen die beiden Hochhäuser in den Himmel, rund 700 Bäume mit bis zu neun Metern Höhe, über 5.000 Sträucher und Büsche sowie weitere 11.000 Bodenpflanzen werden in den auskragenden Terrassen gepflanzt. Jeder der Türme bietet alternativen Wohnraum im Gegenwert zu rund 50.000 Quadratmetern Einfamilienbebauung am Stadtrand.

Als Vorbild für den Bosco Verticale könnte der bereits im Jahr 2004 fertiggestellte Flower Tower in Paris gedient haben. In der Umsetzung wesentlich einfacher, bilden in dem von Architekt Edouard François gemeinsam mit dem Landschaftsplaner Patrick Blanc geplanten Gebäude knapp 400 überdimensionale Blumentöpfe einen grünen Vorhang. Als „gebauten Ausdruck der Sehnsucht nach natürlichen Lebensräumen in der Stadt“ sieht François sein Gebäude. Knapp zehn Jahre nach der Fertigstellung erblüht das Haus in voller Pracht. Die mittlerweile zwei bis drei Meter hohen Bambuspflanzen beschatten im Sommer, filtern Luft und Licht und bieten den Bewohnern mitten in der Stadt einen Ausblick ins bzw. aufs Grüne.

Durchatmen in der Stadt von Morgen

Möglichkeiten für mehr Natur in der Stadt gibt es viele. In ihrem 300 Seiten umfassenden Leitfaden „Gebäude, Begrünung und Energie“ zeigt die Architekturfakultät der Technischen Universität Darmstadt die Potenzialen und Wechselwirkungen grüner Gebäude auf. Darin heißt es, dass der Umfang von direkt begrünbaren Flächen im Bestand – wie ungenutzte Flachdächer, Brandwände, Gewerbe- und Industriebauten etc. – die Grünflächen in den typischen, europäischen Städten um ein Vielfaches übersteigt.

Eines der größten Projekte zur nachträglichen städtischen Begrünung findet sich direkt zwischen den Häuserschluchten von New York City. 2009 wurde das erste Teilstück des insgesamt drei Bauabschnitte umfassenden High Line Parks eröffnet, 2011 folgte das zweite Teilstück, und im kommenden Jahr soll die Renaturierung aller drei Abschnitte fertig gestellt sein. „Die Neugestaltung kombiniert die ursprüngliche Natur, die sich hier ein Stück Lebensraum zurückerobert hat, mit einer kultivierten Parklandschaft und schafft grüne Ruhezonen mitten in der dichtbevölkerten Großstadt, erklärt Ricardo Scofidio vom verantwortlichen New Yorker Planungsbüro Diller + Scofidio.

Am anderen Ende der Welt – in einer der boomendsten Regionen der Erde – plant und baut man in gänzlich anderen Dimensionen. Mit der Realisierung des utopischen Bauvorhabens „Gardens by the Bay“ zeigt sich der südostasiatische Stadtstaat Singapur von seiner grünsten Seite. Mit dem im Endausbau befindlichen rund 100 Hektar umfassenden und knapp über 600 Millionen Euro schweren innerstädtischen Entwicklungsgebiet will sich die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt in die Riege der grünsten Millionenstädte der Welt katapultieren. Und das wird ihr aller Voraussicht auch gelingen. Das britische Architektenteam Wilkinson Eyre zeichnet gemeinsam mit dem Landschaftsplanungsbüro Grant Associates für die Planung und Umsetzung verantwortlich. Riesige, bis zu 90 Meter hohe Bäume aus Stahl und Glas sind das neue Wahrzeichen der Stadt. Ihre Stämme sind mit bis zu 200 verschiedenen Pflanzen bestückt, gleichzeitig sind in die Krone Solaranlagen zur Energiegewinnung integriert, im Inneren dienen Wassertanks zur Regenwasserspeicherung. „Ich glaube, dass die Erfahrungen aus diesem Projekt richtungsweisend für die Zukunft unserer Städte sind, in der Natur und Technik einander ergänzen“, so der Landschaftsarchitekt Andrew Grant.

Fakten

Die Begrünung von Fassaden, Dächern und innerstädtischen Brachflächen wirkt sich nachhaltig auf die Wohn- und Lebensqualität aus:

  • Sonnenschutzwirkung und Vermeidung der Überhitzung von Gebäudeoberflächen
  • Ausgleich von Temperaturextremen durch Verdunstungskühlung und ausgleichende Luftbefeuchtung
  • Reduktion der Schallreflexionen und Verminderung der städtischen Geräuschkulisse
  • Verringerung von Stickoxiden um rund 40 Prozent
  • Feinstaubreduktion um bis zu 60 Prozent
  • Entlastung des städtischen Kanalnetzes durch Wasseraufnahme und verzögerte Abgabe bei Starkregenfällen