Klimagerecht Bauen und Sanieren

  • Passivhaussiedlung in innovativer energieoptimierter Holzbauweise
    Passivhaussiedlung in innovativer energieoptimierter Holzbauweise
    Auf den ehemaligen Reininghausgründen in Graz erreicht die Wohnanlage mit einem jährlichen Heizwärmebedarf von lediglich 6,68 bis 8,83 kWh/m2a Passivhausqualität und besitzt Vorbildcharakter für die urbane und energieoptimierte Stadtentwicklung. © Harry Schiffer
  • Sanierung leicht und schwer
    Sanierung leicht und schwer
    Der Baubestand aus den 1950er und 1960er Jahren (rechts im Bild) weist meist keine hohen thermischen Qualitäten auf, ist aber mit einem Vollwärmeschutz an der Fassade vergleichsweise einfach zu sanieren. Wesentlich anspruchsvoller und vor allem aufwändiger gestaltet sich die Sanierung historischer Fassaden – hier ist in der Regel nur eine Innendämmung möglich. © CC0/Johannes Ortner
  • Gemini Haus im Wienerwald
    Gemini Haus im Wienerwald
    Mit dem Gemini Haus im Wienerwald zeigen grundstein-Architekten, wie auch mit geringen finanziellen Mitteln und einfachen Baumaterialien höchster Baustandard erreicht werden kann. Der innovative Neubau wurde 2013 mit dem Architekturpreis „Das beste Haus“ ausgezeichnet.© Clemens Franke
  • Gründerzeithaus Wien
    Gründerzeithaus Wien
    Nach einer Gasexplosion teilweise zerstört, wurde das Gründerzeithaus in der Wiener Mariahilfer Straße neu aufgebaut und im Neubaustandard von Trimmel Wall Architekten und der Baufirma Leyrer + Graf umfassend saniert. Gleichzeitig blieben die Ästhetik und der Charme des Althauses erhalten. Die ambitionierte Sanierung wurde mit dem Stadterneuerungspreis 2018 ausgezeichnet. © trimmel wall architekten ztgmbh
  • „Neunerhaus“ in Wien
    „Neunerhaus“ in Wien
    Das Wohnhaus für Obdachlose „Neunerhaus“ in Wien – vom Bauträger WBV-GPA, geplant von pool Architektur – zeichnet sich nicht nur durch individuelle Grundrisse, sondern vor allem durch seine klimaschonende Bauweise im Passivhausstandard aus. © Johannes Rauch

Auf der anderen Seite verfügt die Baubranche wie keine andere über ausgereifte und praktisch erprobte Technologien, die einen aktiven Beitrag zum Schutz von Klima und Umwelt leisten können. Das Einsparungspotential ist enorm, die Möglichkeiten (noch) nicht vollständig ausgeschöpft.

Weltweit entfällt rund ein Drittel aller Treibhausgasemissionen alleine nur auf die Nutzung und den Betrieb von Gebäuden. In Österreich sind es knapp über 27 Prozent des gesamten Endenergiebedarfs, die für Raumwärme, Kühlung und Warmwasser verbraucht werden – wobei der Löwenanteil auf das Konto der Heizung und zunehmend auch der Klimatisierung von Innenräumen geht. Im Detail stellen Heizen und Kühlen laut aktueller Statistik der E-Control Austria in den privaten Haushalten rund 72 Prozent des gesamten Energieverbrauchs dar. 12 Prozent werden für die Warmwasserbereitung aufgewandt, rund 13 Prozent für Licht und elektrische Geräte und immer noch 3 Prozent fürs Kochen. 

Schlüsselfaktor Gebäudesektor

Als einer der ersten Staaten hat Österreich, nur ein halbes Jahr nach Unterzeichnung, im Juli 2016 das Pariser Klimaschutzabkommen ratifiziert und sich damit zur Reduktion der Treibhausgasemissionen auf ein klimaverträgliches Maß verpflichtet. Konkret bedeutet das den Umbau des Energieversorgungssystems auf erneuerbare Energieträger und den Verzicht auf die Verwendung von fossiler Energie. Bis 2050 soll so der CO2-Ausstoß bei der Energieversorgung auf null reduziert werden. 

Im Unterschied zu den meisten anderen Wirtschaftssektoren verfügt der Baubereich schon seit geraumer Zeit über jene Technologien, die erforderlich sind, um Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren. Thermisch optimierte Gebäudehüllen, Leichtbaukonstruktionen, die Nutzung alternativer Energie über Solar- und Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und LED-Technik sind im Neubau heute schon eine Selbstverständlichkeit. Der zunehmende Anteil an Holzbaukonstruktionen – nicht nur in ländlichen Regionen, sondern auch im mehrgeschoßigen, urbanen Bauen – trägt zur Senkung des Energieverbrauchs und CO2-Ausstoßes für die Produktion von Baumaterialien bei. Darüber hinaus ist Holz eine CO2-Senke – sprich bindet Kohlendioxid aus der Atmosphäre über die gesamte Nutzungsdauer hinweg. „Der Ausstieg aus fossiler Energie im Gebäudebereich muss so zeitnah wie möglich umgesetzt werden, um anderen Bereichen – wie Teilen der Industrie – den notwendigen Zeitpolster zu verschaffen, ihre Technologien den neuen Erfordernissen anzupassen“, lautet deshalb auch eine der zentralen Empfehlungen im „Wohnbauchek 2018“ der Umweltschutzorganisation Global 2000. 

Sanierungsrate erhöhen

Ein wesentliches Erfolgskriterium bei der Erreichung der hoch gesteckten Klimaschutzziele ist die Erhöhung der Sanierungsrate im gesamten Baubestand. Dazu gehört neben der thermischen Optimierung der Gebäudehüllen ebenso die Umrüstung alter Heizungsanlagen. Derzeit sind in Österreich laut Global-2000-Wohnbaucheck nach wie vor über 700.000 Ölheizungen im Einsatz. Wenn man bedenkt, dass rund 60 Prozent der Wärmeversorgung für Gebäude über fossile Energieträger abgedeckt wird und dadurch über 20 Prozent des heimischen Kohlendioxid-Ausstoßes produziert werden, zeigt sich das Einsparungspotential, das allein im Heizsystem schlummert. 

Dementsprechend sieht auch die Ende Mai vergangenen Jahres durch die Bundesregierung beschlossene Klima- und Energiestrategie das Ende des fossilen Zeitalters gekommen. Die dafür notwendigen Ziele und Maßnahmen wurden im Strategiepapier „Mission 2030“ niedergeschrieben. Eines der sogenannten Leuchtturmprojekte ist die Gebäudesanierung samt Umbau der Wärmeversorgungssysteme auf erneuerbare Energieträger. So soll die Sanierungsrate im Gebäudesektor von derzeit unter einem Prozent im Zeitraum von 2020 bis 2030 auf durchschnittlich mindestens zwei Prozent pro Jahr angehoben werden. Alleine durch die thermische Sanierung könnte über eine Million Tonnen CO2 eingespart werden – sogar ohne Heizanlagentausch. Deshalb soll die EU-Gebäuderichtlinie in Bezug auf die Sanierung von Gebäuden konsequent umgesetzt werden. Zusätzlich zu den Fördermitteln aus der Wohnbausanierung werden Add-on-Förderungen durch den Bundes-Sanierungscheck für Best-Practise-Projekte (klima:akitv Gold-Standard, ökologische Baustoffe, Energiespeicher, Umstieg auf erneuerbare Heizenergie) weitere Anreize für die Sanierung schaffen. Auch ein Ausbau von maßgeschneiderten Sanierungsmaßnahmen für betriebliche Gebäude durch Förderinstrumente des Bundes wurde im Rahmen der Präsentation der Mission 2030 angekündigt. Durch den schrittweisen Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger könnten bis 2030 rund zwei Millionen Tonnen, bis 2045 weitere 1,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Spätestens ab dem Jahr 2025 muss der Ausstieg aus dem fossilen Ölheizungsbestand erfolgen – beginnend mit Anlagen, die älter als 25 Jahre sind. 

Mit vereinten Kräften

Um die Energiewende herbeizuführen, bedarf es der vereinten Kraft aller am Bau und Betrieb von Gebäuden Beteiligten. „Diese Wende ist kein Selbstläufer“, ist Peter Püspök, Präsident des Dachverbandes Erneuerbare Energien, überzeugt: „Um die Wärmewende stemmen zu können, brauchen wir die Immobilieneigentümer, die Planer, die Gemeinden und Bundesländer und allen voran die Politik.“ Eine Einschätzung, die auch Irene Prieler vom Architekturbüro „grundstein“ teilt. Gemeinsam mit ihrem Büropartner Michael Wildmann werden Projekte mit Fokus auf Nachhaltigkeit, schonenden Ressourcen- und effizienten, sparsamem Energieeinsatz realisiert, sehr oft in ökologischer Holzbauweise. „Bauen muss man immer im großen Kontext sehen – mit der Stadt, dem Umfeld, der Natur, den bauphysikalischen Rahmenbedingungen. Ideen und Konzepte gibt es zu Hauf, aber man braucht natürlich auch Bauherren, die mitgehen, und eine Politik, die entsprechende Rahmenbedingungen schafft, ohne zu sehr einzuschränken“, ist Prieler überzeugt. Die aktuellen Baugesetze sind nach Prieler viel zu sehr auf die Winternutzung ausgelegt, die Sommernutzung bleibt vergleichsweise vernachlässigt. Hier hinkt die Gesetzgebung der Realität hinterher, wenn man sich zum Beispiel überlegt, dass durch die rasante Zunahme von Klimaanlagen auch im Wohnbereich ein Gutteil der Einsparungen durch die Verringerung des Heizwärmebedarfs aufgefressen wird. Von der Politik würde sich Prieler wünschen: „Es bräuchte in der Baugesetzgebung viel mehr Zielvorgaben und weniger strikte Regelungen und vorgegebene Lösungen. Man muss das Gebaute als großes Ökosystem verstehen, das nur dann gut funktioniert, wenn jeder Symbiont davon profitiert.“ Beim Gemini Haus im Wienerwald beispielsweise haben grundstein versucht, diese Idee in gebaute Realität umzusetzen: Als Leichtbaukonstruktion unter Verwendung günstiger Materialien bzw. Holz als CO2-Speicher, mit minimalem Technikeinsatz, der durch intelligente Ausrichtung, gute Durchlüftung und die Nutzung passiver Sonnenenergie mit einem Minimum an Energie auskommt. 

Sonderfall: Erhaltenswerte Fassade 

Nicht für jedes Gebäude ist die thermische Optimierung der Hülle über einen außen angebrachten Vollwärmeschutz die geeignete Lösung zur Heizenergie- und CO2-Reduktion. Wie beispielsweise beim riesigen Gebäudebestand aus der Gründerzeit mit seinen erhaltenswerten, oft reich verzierten Schmuckfassaden. Über den Tausch bzw. die Sanierung der alten Kastenfenster sowie die Dämmung der untersten und obersten Geschoßdecke lässt sich die energetische Bilanz jedoch sicht- und messbar verbessern. „Auch bei Gebäuden mit historisch erhaltenswerten Fassaden oder denkmalgeschützten Objekten lässt sich einiges machen, um die energetische Performance zu verbessern“, weiß Christian Höfer, Abteilung Produktmanagement und Anwendungstechnik beim Dämmstoffspezialisten Weber Terranova. Innendämmung lautet die Lösung, die die Bauindustrie für derartige Spezialfälle bereithält. Dabei werden die Außenwände von innen mit 4,5 Zentimeter starken, hocheffizienten Mineralschaumplatten bekleidet. Zwar lässt sich mit der Innendämmung nicht dasselbe Ergebnis erzielen wie beim außen aufgebrachten Wärmeschutz, „aber eine Reduktion des Heizwärmebedarfs lässt sich auch damit erreichen. Nicht außer Acht lassen darf man dabei die Tatsache, dass der Erhalt von Gebäuden durch fachgerechte Sanierungen und die damit verbundene Verlängerung des Lebenszyklus einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leistet – alleine schon durch die Einsparung an Baumaterialien, die ein Neubau erfordern würde“, ist Höfer überzeugt. Als positiver Nebeneffekt der Innendämmung sorgt der verwendete Kalkputz für einen erhöhten Wohnkomfort dank seiner Fähigkeit, überschüssige Feuchtigkeit in der Putzstruktur zu binden und bei Bedarf wieder an die Raumluft abzugeben.    

Wirtschaftsfaktor Klimaschutz 

Die Erreichung der Klimaziele können gemäß der Mission 2030 einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung des Wirtschafts- und Beschäftigungsstandortes Österreich leisten. Energie- und Umwelttechnologien gelten als einer der größten Wachstumsmärkte des 21. Jahrhunderts. Mit der weiteren Entwicklung der heimischen Forschungslandschaft soll Österreich zum Innovationsführer aufsteigen.