Obst und Gemüse vom Stadtacker

  • Bunker vom Heilligengeistfeld
    Bunker vom Heilligengeistfeld
    Landwirtschaftliche Nutzfläche über den Dächern der Stadt: Hilldegarden auf dem ehemaligen Bunker mitten in Hamburg© PlanungsbueroBunker
  • Detroit Plum-Street-Farm
    Detroit Plum-Street-Farm
    Grüne Transformation: Nach dem Niedergang der Autoindustrie wandelte sich die Industriestadt Detroit zur grünen Stadt mit inner-städtischen Ackerflächen vor der Hochhaus-Skyline. © Plum Street Farm
  • Karls Garten in Wien
    Karls Garten in Wien
    © Verein Karls Garten
  • plant-flower-garden-greenhouse
    plant-flower-garden-greenhouse
    Vertikale Landwirtschaft: Projekt im Rahmen der Expo in Mailand 2015© CC0
  • Vertical Gardening Das VertiCrop-System
    Vertical Gardening Das VertiCrop-System
    Urbane Landwirtschaft in Form vertikaler Anbau-flächen im innerstädtischen Glashaus-Wolkenkratzer.© Valcenteu

Die Landwirtschaft kommt (zurück) in die Stadt! Weltweit fördern immer mehr Städte die Produktion von Lebensmitteln innerhalb der Stadtgrenzen. Aus gutem Grund:  Die lokale Produktion verkürzt Transportwege, verringert den CO2-Fußabdruck der Nahrungsmittel, erhöht die Lebensmittelsicherheit und trägt maßgeblich zur Ökologisierung urbaner Lebensräume bei. Dazu kommen soziale Aspekte des gemeinschaftlichen Gärtnerns.   

„Auf der ganzen Welt spielen Städte eine immer wichtigere Rolle in Hinblick auf die Versorgung ihrer Bewohner mit Nahrungsmitteln. Mit innovativen Ansätzen und Unterstützung durch die Politik nehmen sie sich der globalen Ernährungsprobleme an“, so heißt es im letztjährigen Bericht des „International Panel of Experts on Sustainable Food Systems“ (IPES-Food) im Rahmen des Weltagrarberichts. Das Team aus Experten und Wissenschaftlern unter dem Vorsitz von Olivier de Schutter, Ex-UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, präsentierte anhand von fünf Regionen und Städten unterschiedliche Ansätze von alternativen städtischen Ernährungssystemen: Belo Horizonte in Brasilien, Nairobi, Amsterdam, Detroit und Golden Horseshoe in Kanada. „Diese Städte bzw. Regionen nehmen die Dinge selbst in die Hand und versuchen, Probleme im Ernährungssystem zu beheben“, berichtet Corinna Hawkes, Haupt-autorin des IPES-Berichts.

Best Practice international

Nicht immer stößt der Versuch der städtischen Selbstversorgung aufseiten der Politik auf Zustimmung, wie das Beispiel der urbanen Landwirtschaft in Nairobi zeigt. In den 1970er Jahren zog ein großer Teil der Landbevölkerung in das Stadtgebiet. Der Anbau von Obst und Gemüse zur Selbstversorgung oder als Zuverdienst zum kargen Lebensunterhalt wurde für die neuen Stadtbewohner zur Überlebensfrage. Die städtischen Behörden betrachteten diese Praxis zunächst als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit und als Verstoß gegen bestehende Landrechte. Erst im Jahr 2015 kam die politische Kehrtwende und die Stadtregierung verabschiedete ein Gesetz mit dem Ziel die Lebensmittelproduktion in der Stadt zu professionalisieren, zusätzlich dringend benötigte Jobs zu schaffen und die Versorgungssicherheit der Stadtbevölkerung mit Nahrung sicherzustellen. Dafür wurde unter anderem eine eigene Abteilung in der Stadtregierung geschaffen, die sich um die Ausbildung von „Stadtbauern“ kümmert, den Zugang zu organischen Abfällen als natürliche Düngemittel sicherstellt und für die Entwicklung von Vermarktungsstrukturen Sorge trägt.

Wesentlich schneller lief eine ähnliche Entwicklung in Belo Horizonte in Brasilien ab, das als einer der weltweiten Pioniere für urbane Landwirtschaft gilt. Hier erkannte die Stadtregierung schon früh das Potential der urbanen Landwirtschaft als wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherheit. Bereits im Jahr 1992 wurde eine Ernährungsstelle gegründet, die alternative Ernährungssysteme mit auf den Weg bringen und die Produktion qualitativ hochwertiger, nahrhafter Lebensmittel für die Stadtbevölkerung sicherstellen soll. Eine Lösung, die sich seit über 25 Jahren bestens bewährt.

Als gemeinsamen Nenner für die untersuchten Städte nennt Hawkes die Tatsache, dass all diese „extrem innovativ waren, wenn es darum ging, Faktoren auszunutzen, die die Politik voranbringen und Hürden überwinden helfen.“ Die internationalen Best-Practice-Projekte sollen als gelungene Beispiele zur Nachahmung aufrufen. „Darauf zu blicken, was andernorts gemacht wurde, kann für Städte jeglicher Größe, die daran arbeiten ihre Ernährungssysteme zu verbessern, hilfreich sein – von der Kleinstadt, die gerade erste Schritte hin zu einer neuen Ernährungspolitik unternimmt, bis hin zu Großstädten, die bereits über ausgeklügelte und umfassende Programme verfügen“, so Hawkes weiter.

Von der Auto- zur Gartenstadt

Eine nicht ganz freiwillige Transformation von der Industrie- zur grünen Stadt mit landwirtschaftlichen Nutzflächen durchlief die US-amerikanische Autostadt Detroit. Mit dem Zusammenbruch der Autoproduktion zogen weite Teile der Bevölkerung aus der Stadt fort. Innerhalb weniger Jahre reduzierte sich die Bevölkerungszahl um deutlich mehr als die Hälfte. Der hohe Gebäudeleerstand führte dazu, dass innerstädtische Freiflächen brach lagen sowie ganze Häuserblöcke verwaisten und dem Verfall preisgegeben waren. Es ist der Initiative der verbliebenen Bevölkerung zu verdanken, dass die Stadt nach und nach wieder an Lebensqualität gewinnt. Leerstehende Schulen, Kirchen und Gewerbebrachen wurden in Gemeinschaftsgärten und landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt und machen die Stadt zunehmend wieder zu einer lebenswerten Umgebung. Über 1.500 Anbauflächen von rund 190 unterschiedlichen Organisationen finden sich heute im Stadtgebiet, womit Detroit zum nationalen Vorreiter in puncto landwirtschaftliche, innerstädtische Produktion von Nahrungsmitteln wurde.     

Politische Unterstützung

In den hochentwickelten Industriestaaten stehen zumeist die Gemeinschaft und das soziale Miteinander bei der Entwicklung von innerstädtischen Projekten zur Nahversorgung mit selbst angebauten Lebensmitteln im Vordergrund. Es geht um Mitwirkung und Mitbestimmung, die Aneignung und Gestaltung von öffentlichem Raum und das Ausprobieren neuer, alternativer Arbeits- und Lebensformen. Immer mehr Projekte dieser Art sprießen in den heimischen Großstädten wie Graz, Linz oder Wien – und hierzulande auch mit tatkräftiger Unterstützung durch die politischen Verantwortliche. So wurde in Wien beispielsweise die Beratungsstelle „Garteln in Wien“ gegründet, die in der Bio Forschung Austria angesiedelt ist und in allen Fragen rund um Urban Gardening berät, wie zum Beispiel bei der Gründung von Nachbarschaftsgärten, der Vermittlung von Selbsternteparzellen oder dem biologischen Gärtnern in der Stadt.     

 Urban Farming über den Dächern der Stadt

Auch die heimischen Bauträger springen mittlerweile auf die Idee der gemeinschaftlichen Nahrungsproduktion auf, wie das Projekt „frei:raum 21“ der BUWOG zeigt. „Gemeinsam Garteln verbindet“ lautet das Motto des innovativen Wohnprojekts in Wien-Floridsdorf, das sich gerade in Fertigstellung befindet. Jede der 140 freifinanzierten Eigentumswohnungen verfügt über einen Balkon oder eine Terrasse mit Garten, dazu kommen großzügige, gemeinschaftlich nutzbare Freiflächen, Relax- und Aktivzonen wie Jugend- und Kinderspielplätze. Das Besondere des Wohnprojekts mit der Zielgruppe Jungfamilien findet sich aber auf den Dächern. Hier errichtet die Buwog einen Dachgarten samt Gewächshaus und Hochbeeten unter freiem Himmel, der für den Anbau von Obst und Gemüse für den Eigen- bedarf gedacht ist. Jeder Bwohner kann sich auf dem hauseigenen Dach ein Hochbeet sichern.

 Nutzbare Gartenfläche auf dem Dach zu schaffen, ist auch das Anliegen der Initiative „Hilldegarden“ – eine Wortkombination aus „hill“ und „garden“ in der norddeutschen Hansestadt Hamburg. In Hamburg wird die Schaffung von Dachgärten auf Wohn- oder Gewerbebauten gefördert, wie auch beim spektakulären Hilldegarden, der in rund 39 Metern Höhe auf dem Dach des alten Luftschutzbunkers knapp 8.000 Quadratmeter nutzbare Anbaufläche schaffen will. Mit seinen fünf Meter dicken Decken ist der Bunker prädestiniert für eine intensive – auch landwirtschaftliche – Grünraumnutzung, die zudem den Betonkoloss auch optisch aufwertet und das Stadtbild nach-haltig positiv verändert.

 Noch einen Schritt weiter gehen einzelne Kommunen in Frankreich, die bei Gewerbeneubauten – wenn schon keine landwirtschaftliche Nutzung – zumindest eine Begrünung bzw. Nutzung als Dachgarten zwingend vorschreiben.

Vom privaten Gartenbau zur urbanen Landwirtschaft

Dass urbane Landwirtschaft mittlerweile weit mehr als gemeinsamer Freizeitvertreib für Großstädter ist, beschreibt eine unlängst veröffentlichte Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. „Während die globale Bevölkerung in den Städten stetig wächst, schrumpft die ohnehin knappe Anbaufläche für Lebensmittel und Ressourcen. Diese Kluft könnte überbrückt werden, indem Nahrung innerhalb der Stadt erzeugt wird“, heißt es in der Studie. Anlass für die Auseinandersetzung mit dem Thema ist die Tatsache, dass vor dem Hintergrund weltweit konstant wachsender Städte die nachhaltige Versorgung mit Nahrung zunehmend zu einer Herausforderung wird. Immerhin sollen im Jahr 2050 mehr als 66 Prozent der Weltbevölkerung – sprich rund sechs Milliarden Menschen – in Städten leben. In den ersten Pilotprojekten des Fraunhofer Instituts soll deshalb intensiv an innovativen Anbaumethoden gearbeitet werden, welche Nahrungsmittel- und Ressourcenproduktion wieder zurück an die Orte bringen, wo sie auch konsumiert werden.  

In die gleiche Richtung geht die Forschung an der Wiener Universität für Bodenkultur, die die Versorgung der Bevölkerung mit frischem, lokal produziertem Gemüse aus der Stadt für die Stadt als eine wesentliche Möglichkeit zur Nahrungssicherheit betrachtet. Mit der Schaffung des „Urban Cyber Farming Laboratory“ soll die wissenschaftliche Infrastruktur zur Erforschung und Entwicklung des Einsatzes künstlicher Intelligenz, Robotik oder „maschinellen Sehens“ sowie die Umsetzung in Form von autonomen Erntefahrzeugen und -robotern auch für die urbane Landwirtschaft  geschaffen werden.

Vertical Gardening

Mit dem Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) widmet sich eine weitere Forschungseinheit des Fraunhofer Instituts der städtischen Landwirtschaft. Ihre Vision: Farmen zwischen Himmel und Erde auf den Dächern der Stadt. Alleine in Deutschland stünden laut dem Darmstädter Institut über 30.000 Hektar solcher Flächen zum Anbau zur Verfügung. Im Vergleich zu den rund 12 Millionen Hektar, die deutsche Bauern aktuell bewirtschaften, ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem halten Wissenschaftler in aller Welt die urbane Landwirtschaft für eine Möglichkeit, den steigenden Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Ihr Lösungs-ansatz: Vertikale Stadtfarmen, in denen in Wolkenkratzern Stockwerk über Stockwerk Gemüse und Obst wachsen und gedeihen. Einzig die rasant steigenden Grundstückspreise in den Ballungszentren machen den vereinzelten Initiativen noch einen Strich durch die Rechnung. Technisch hingegen wäre die Vision längst umsetzbar. Und aus ökologischer Sicht sinnvoll wäre sie allemal, denn durch die geringen Entfernungen vom „Acker“ in die Haushalte entfallen die langen Transportwege und reduziert sich der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase. Regionale Frischkost bringt es im Schnitt auf 230 Gramm CO2 pro Kilogramm. Im Vergleich dazu bringt es dieselbe Menge Obst und Gemüse,  die per Schiffscontainer auf dem Küchentisch  landet, auf rund die doppelte Menge, per Luftfracht importiert liegen die Werte durchschnittlich bei gigantischen 11.000 Gramm CO2 pro Kilogramm Obst oder Gemüse, schätzt das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Zahlen, die eine eindeutige Sprache und für eine deutliche Reduktion des Importes hin zu einer Steigerung der inner- städtischen oder stadtnahen Produktion sprechen.

Gemüse trifft Fisch

Wie professionelle Landwirtschaft in der Stadt aussehen kann, zeigt das Wiener Start-up „blün“, eine Wortkreation aus Blau und Grün, womit in einer Silbe auch das Konzept von Aquaponik beschrieben wäre: Eine nachhaltige Technologie, die Fischzucht und Gemüseanbau in einem geschlossenen Kreislauf vereint. Das heißt, das Abwasser aus der Fischzucht wird zur Düngung des Gemüses verwendet. Herzstück der Anlage ist ein Biofilter, der dafür sorgt, dass das Gemüse nicht nach Fisch riecht oder schmeckt. „Wir nutzen das gefilterte Wasser aus den Fischbecken zum Gießen und die aufbereiteten Exkremente als natürlichen Dünger. Damit können wir auf den Einsatz von Herbiziden oder Fungiziden komplett verzichten“, beschreibt Mitbegründer Stefan Bauer den Produktionskreislauf. Im Oktober 2016 im 22. Wiener Gemeindebezirk gegründet, produziert „blün“ regional nahezu ausschließlich für den Absatz in der Bundeshauptstadt.