Wohnen mit alles!

  • Smart Quartier in St. Pölten
    Smart Quartier in St. Pölten
    SMAQ-Max – Smart Quartier in St. Pölten ist ein Wohnquartier auf Basis eines neu entwickelten Bausystems, das Stahl-, Beton- und Holzbau verbindet und alle Materialien hinsichtlich ihrer spezifischen statischen und bauphysikalischen Eigenschaften optimal einsetzt.© Lukas Schaller
  • Quartiershäuser
    Quartiershäuser
    Gerade im Entstehen ist diese Wohnbebauung beim Wiener Hauptbahnhof, die einen neuen Typus des urbanen Mischnutzungskomplexes darstellt.© Janusch
  • "Wohnen mit alles"
    "Wohnen mit alles"
    „Wohnen mit alles“ ist ein gemeinschaftliches Wohnbauprojekt, das im Frühjahr 2010 aus dem Bauträgerwettbewerb am Nordbahnhofgelände hervorging. Modellhaft ist unter anderem die Zusammenarbeit eines Bauträgers mit einer Baugruppe.© Hertha Hurnaus
  • Robert Korab
    Robert Korab
    © Eva Kern

Nach wie vor ist Stein-auf-Stein die durchaus gängige Baumethode, der handwerkliche Anteil ist im Vergleich mit anderen Branchen enorm hoch. Aber ist diese Art der Bauproduktion noch zeitgemäß? Bauen mit Modulen oder vorgefertigten Elementen, Standardisierung und Industrialisierung – wohin wird sich die Zukunft des Bauens entwickeln? Und bleibt im industrialisierten Bauen dann auch noch Raum für Individualität? Im Interview gibt Robert Korab, Planer, Entwickler, Forscher und Politikberater, einen Einblick, was uns in Zukunft im Bereich des Planens und Bauens erwarten wird. 

Weiss: Herr Korab, raum & kommunikation – der Name Ihres Unternehmens ist Programm. Eigentlich firmieren Sie als Technisches Büro, real ist ihr Arbeitsfeld aber wesentlich weiter gefasst. Neben der klassischen Planung von Bauprojekten finden sich in Ihrem Portfolio auch Stadteil- oder Quartiersgestaltungen, Prozessbegleitung, Verfahrenssteuerung oder Bürgerinitiativen bis hin zu Forschung und Politikberatung. Sie lassen sich ­ungern in eine Schublade stecken?      

Robert Korab: Das stimmt. Das Technische Büro ist sozusagen der firmenrechtliche Mantel und ist zugegebenermaßen ein wenig irreführend. In Wahrheit arbeiten wir sehr interdisziplinär. Wir haben eine Bauträgerkonzession, haben Architekten und Architektinnen, Stadtplanerinnen und Stadtplaner im Büro. Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit der Zukunft der Mobilität, weil das in engem Zusammenhang mit unserer gebauten Umwelt steht und auch ausschlaggebend dafür ist, wie und wohin sich die Stadt entwickelt und wie wir in Zukunft planen, bauen und wohnen werden. Deshalb haben wir als raum & kommunikation mit MO.Point auch ein Unternehmen gegründet, das sich mit maßgeschneiderten Mobilitätslösungen beschäftigt oder gemeinsam mit den Architekturbüros wup_wimmerundpartner sowie Artec Architekten eine Firma ins Leben  gerufen – die SMAQ GmbH –, mit der wir in den vergangenen Jahren ein kostengünstiges Bau-system in Holz-, Stahl- und Betonfertigbauweise entwickelt haben.       

Weiss: Das ist eine sehr umfassende Bandbreite: planen, bauen, entwickeln. Und dann findet sich auch Forschung in Ihrem Arbeitsspektrum. In welchen Bereichen forschen Sie? 

Robert Korab: Wir haben eine aktive Stadtplanungsabteilung im Unternehmen, beschäftigen uns sehr intensiv mit Stadtentwicklung und örtlicher Raumplanung und haben in der Vergangenheit einige Forschungsprojekte für die Stadtforschung durchgeführt. Ich war vor der Gründung meines eigenen Unternehmens Leiter des österreichischen Ökologieinstituts und war im Expertenbeirat des Klimafonds. Außerdem unterrichte ich seit über 15 Jahren an der TU am Institut für Städtebau und am Institut für nachhaltiges Entwerfen. Da gibt es eine gewisse Forschungsvergangenheit.      

Weiss: Diese Forschungsaffinität sieht man auch bzw. diese fließt stark in Ihre Projekte ein, wenn man sich beispielsweise eines Ihrer aktuellsten Bauvorhaben ansieht, das WoGen Quartierhaus mit einer sehr vielfältigen Nutzung und ökologischen Materialien. Ist das ein Projekt, das die Zukunft des Wohnens, Arbeitens, Lebens widerspiegelt? 

Robert Korab: Das ist ein sehr spezielles Gebäude mit sehr gemischter Nutzung, bei der es auch um das Thema Gewerbe in der Stadt geht, es gibt Werkstattzonen mit Werkzeugen und Maschinen, es gibt einen Büroteil und Clusterwohnungen sowie eine Baugruppe. Also ein sehr experimentelles Projekt, das vor allem auch in Hinblick auf die Nutzung sehr interessant ist.       

Weiss: Haben Sie eine Idee oder eine Vorstellung davon, wohin sich die Zukunft des Bauens entwickeln wird? Geht es noch mehr in die Vorfertigung oder Modulbauweise?   

Robert Korab: Aus technologischer Sicht sind wir in der Bauproduktion noch in einem sehr handwerklichen Stadium, wenn man das mit anderen Branchen vergleicht. In den technologieorientierten Branchen wird ja nur noch in Modulen gefertigt, denken Sie beispielsweise an die Handyproduktion. Ein Handy wird heute aus 25 bis 30 Einzelteilen gefertigt, vor eineinhalb Jahrzehnten waren es auch noch ein paar hundert Teile. Da sind wir in der Baubranche noch Lichtjahre entfernt. Wir schichten immer noch einen Stein auf den anderen. Im Sinne der Effizienz wird sich das verändern müssen. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Wir experimentieren sehr viel mit Bausystemen, wo man Einzelkomponenten zusammensetzt oder auch ganze Raummodule zu einem Gebäude kombiniert. Das ist eine völlig ­andere Produktionsmethode und dabei geht es gar nicht darum, ob der Werkstoff Stahl, Beton oder Holz heißt. Es geht um die Art und Weise, wie wir Dinge produzieren. Da hat sich schon viel geändert und wird sich auch noch viel tun. Es gibt in diesem Bereich sehr viele Pioniere, aber noch keinen Mainstream.    

Weiss: Wird diese Modularisierung und Industrialisierung des Bauens auf Kosten der Individualität gehen? 

Robert Korab: Es wird sicher nicht die Individualität darunter leiden. Ich kann auch aus Systembauelementen ein sehr individuelles Gebäude fertigen. Wir müssen uns auch überlegen, was denn Individualität für uns bedeutet. Wenn Sie heute aufs Land schauen – Erker links oder rechts – da ist von Individualität auch nicht so viel zu spüren. Da haben wir eine falsche Auffassung davon, was Individualisierung ist. Wir leben heute mit einer ganzen Reihe von Artefakten – elektronische Gadgets, Haushaltsartikel, Autos, unsere gesamte Kleidung – wir leben mit einer Unzahl an Artikeln, die allesamt vollständig standardisiert sind. Und damit haben wir offensichtlich überhaupt keine Probleme. Man kann sich jedes Haus innen ja vollkommen individualisieren, da kann man sich austoben. Ich glaube, da ist noch sehr viel Raum für Individualität.  

Weiss: Rein aus der bautechnischen Perspektive wären wir doch schon längst so weit vieles zu standardisieren, zu industrialisieren und vorzufertigen?  

Robert Korab: Für die Bautechnik ist das schon längst kein Thema mehr. Die Krux ist derzeit noch, dass tatsächlich in vielen Bereichen das industriell vorgefertigte Element teurer ist, als das von Hand produzierte. Da ist die Industrialisierung noch nicht wirklich am Markt angekommen, das heißt, es werden nur sehr kleine Stückzahlen produziert und damit ist der Preis noch vergleichsweise hoch. Das ist keine Frage der Herstellung, sondern der Marktverbreitung.       

Weiss: Einerseits brechen Sie gerade eine Lanze für die Standardisierung und Individualisierung, auf der anderen Seite basieren viele Ihrer Projekte auf Mitgestaltungsprozessen und entstehen unter reger Beteiligung der Nutzer und Nutzerinnen. Ist das nicht ein Widerspruch?    

Robert Korab: Die Massenproduktion tendiert natürlich in die Richtung, weniger individuelle Mitgestaltung zuzulassen, außer im Vorfeld – sprich im Marketingbereich, wenn es um Marktanalysen oder Marktforschung geht, um herauszufinden, wie man sein Produkt für Kunden attraktiver machen kann. Ich sehe aber auch den Gegentrend, sich im engeren privaten oder auch im Arbeitsumfeld wieder mehr zu vernetzen. Das sieht man beispielsweise ganz deutlich bei den Baugruppenprojekten. Man muss das aber differenzierter betrachten: Eigentlich hat die Massenproduktion überhaupt erst möglich gemacht, dass eine breite Bevölkerungsschicht an diesen materiellen Dingen partizipieren kann. Denken Sie nur an die Serien- und Massenproduktion im Automobilbereich. Individualität kann sich doch aber nicht an materiellen Gegenständen messen. Das ist genauso, als würde man sagen, jeder braucht sein individuelles Kochgeschirr, aber in Wahrheit kommt es doch darauf an, was ich darin koche.     

Weiss: Wie kann man sich dann aber die Beteiligung der Nutzer und Nutzerinnen am Planen und Bauen vorstellen?  

Robert Korab: Dabei geht es in erster Linie um eine Beteiligung am Prozess, darum, wie Dinge gemacht werden, wann und wie etwas passiert, aber nicht darum, für jeden individuell seinen Wohnraum zu gestalten.    

Weiss: Zurück zur Standardisierung und Modularisierung beim Bauen. Mit dem von Ihnen entwickelten Bausystem SMAQ zeigen Sie eine Möglichkeit auf, wie die Zukunft der Bauproduktion aussehen könnte. Was ist das Besondere an Ihrem System?     

Robert Korab: Wodurch sich SMAQ unterscheidet, ist der materialspezifische Einsatz der Baumaterialien. Das heißt, wir kombinieren Beton, Holz und Stahl und verwenden jedes Material entsprechend der Eigenschaften, die es am besten erfüllen kann. Wir haben über vier Jahre an der Entwicklung gearbeitet und gemeinsam mit unseren Partnerfirmen eine Modulbau-Lösung gefunden, die maximale Flexibilität in der  Nutzung zulässt. Tragendes Element ist ein Stahlrahmenbau mit Betondecken, die auch gleichzeitig die notwendige Masse ins Gebäude bringen. Unsere Mindestraumhöhe liegt bei 2,80 Metern und darüber. Damit ist das System nutzungsneutral und kann sowohl als Wohnbau oder Bürogebäude oder aber auch als Gewerbeimmobilie genutzt werden. Die Zwischenwände sind komplett flexibel und bieten die Möglichkeit, Wohnräume nach Wunsch zusammenzulegen und wieder zu trennen, oder erlauben es, ganze Etagen beispielsweise in ein Großraumbüro umzuwandeln. Am Ende der Nutzung können die einzelnen Bauteile vergleichsweise einfach wieder voneinander getrennt, wiederverwertet oder dem Produktionsprozess rückgeführt werden.          

   

raum & kommunikation

raum & kommunikation ist ein interdisziplinäres Planungsbüro mit den Schwerpunkten innovative Wohnbauvorhaben, Stadtentwicklungsplanung und neue urbane Mobilitätslösungen.

Innovationsfreude und Leidenschaft sind der Motor in unseren Projekten, in denen wir gemeinsam mit NutzerInnen und PartnerInnen unkonventionelle und passgenaue Lösungen erarbeiten. Hohe soziale, ökologische und wirtschaftliche Ansprüche bestimmen unser Handeln; dabei bleibt der Mensch stets der wichtigste Maßstab unserer Arbeit.

Unsere Leistungen erbringen wir auf vielen Ebenen: von Forschung und Politikberatung über Planung auf Stadt- und Quartiersebene, Prozessbegleitung und Verfahrenssteuerung bis hin zur Umsetzung in beispielhaften Bauvorhaben.

Weitere Tätigkeitsfelder:

• MO.Point Mobilitätsservices GmbH

• SMAQ GmbH

 

Person

Dr. Robert Korab Eigentümer und Geschäftsführer  raum & kommunikation 

1974–1982 Studium der Theoretischen Physik, Astronomie und Philosophie an der Universität Wien

1979–1987 Freiberufliche Tätigkeit als Verfasser diverser Studien und Projekte im Umwelt- und Energieforschungsbereich

1986–2000 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bereichs- und Institutsleiter des Österreichischen Ökologie-Institutes

seit 1992 Unterrichtstätigkeit an mehreren österreichischen Universitäten in den Bereichen Ökologie, Stadtplanung, Architektur und Bauwesen

1995–2014 Mitglied der Jury Bauträgerwettbewerbe Wien und Mitglied des Grundstücksbeirats des wohnfonds wien

2007–2015 Mitglied des wissenschaftlichen ExpertInnenbeirats des österreichischen Klima- und Energiefonds

2009–2010 Leiter der Arbeitsgruppe Mobilität der Österreichischen Energiestrategie

seit 2013 Mitgesellschafter und Geschäfts-führer der SMAQ GmbH

seit 2015 Mitgründer und Mitglied des Vorstands der Die WoGen Wohnprojekte Genossenschaft e. Gen.

2016 Gründungsgesellschafter MO.Point Mobilitätsservices GmbH

seit 2001 Eigentümer und Geschäftsführer von raum & kommunikation

 

 


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