Wohnraumreserven über den Dächern der Stadt

  • Wohnbauforschung in Wien
    Wohnbauforschung in Wien
    Das Forschungsprojekt Attic Adapt 2050 geht den Möglichkeiten des Dachgeschoßausbaus am Beispiel der Wiener Wohnbauten auf den Grund.© JuanVte - iStockphoto.com
  • Einwohnerzahlen Wien – Prognosen
    Einwohnerzahlen Wien – Prognosen
    Das Forschungsprojekt Attic Adapt 2050 geht den Möglichkeiten des Dachgeschoßausbaus in vorgefertigter Holzbauweise am Beispiel der Wiener Wohnbauten der Nachkriegszeit auf den Grund.
  • Ausbaupotential Gebäudebestand 1950–1970
    Ausbaupotential Gebäudebestand 1950–1970
  • Überschreitungshäufigkeit der Empfindungstemperatur
    Überschreitungshäufigkeit der Empfindungstemperatur

Wohnen über den Dächern der Stadt soll in Zukunft nicht nur einigen wenigen vorbehalten bleiben, sondern einen Lösungsansatz zur Bauland schonenden, innerstädtischen Nachverdichtung für wachsende Städte bieten. Das Forschungsprojekt Attic Adapt 2050 geht den Möglichkeiten des Dachgeschoßausbaus in vorgefertigter Holzbauweise am Beispiel der Wiener Wohnbauten der Nachkriegszeit auf den Grund.

Wien wächst und damit auch der Bedarf an Wohnraum. Eine Herausforderung für Flächenwidmung und Stadtplanung. Neben der Stadterweiterung ist die Nachverdichtung von innerstädtischen Lagen ein vielversprechender Lösungsansatz, der nicht nur Baulandreserven schont, sondern dank vorhandener Strukturen auch mit deutlich geringeren Kosten für die Verkehrserschließung und technische Infrastruktur punkten kann. Dazu kommen ein geringeres Verkehrsaufkommen in der Stadt der kurzen Wege und ein sparsamer Ressourceneinsatz sowohl im Hinblick auf Bauland als auch in Bezug auf den Energiebedarf. All das macht die urbane Nachverdichtung auch zu einem Schlüsselfaktor im Klimaschutz oder auch bei der Verringerung des Energieverbrauchs und der Reduktion von CO2-Emissionen.

Sanfte Stadtverdichtung

Dachbodenerweiterungen und -ausbauten bieten in diesem Zusammenhang ein bislang nicht voll ausgeschöpftes Potential zusätzlichen Wohnraum zu schaffen – unter Nutzung der vorhandenen Infrastrukturen. War es bislang der gründerzeitliche Gebäudebestand in den privilegierten Stadtlagen, der aufgrund attraktiver Verwertungsmöglichkeiten im Fokus von Investoren stand, so könnte in Zukunft auch der Gebäudebestand jüngeren Datums einen wesentlichen Beitrag zur Wohnraumschaffung leisten: die Wiener Wohnbauten der Nachkriegszeit. So bergen diese Gebäude aus den Jahren 1950 bis 1970 ein zusätzliches Baupotential von über 34.000 Wohnungen. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsprojekt Attic Adapt 2050. Die Studienautoren haben die Vor- und Nachteile des Dachgeschoßausbaus in den Wohnbauten der Wiener Nachkriegszeit erhoben und Empfehlungen für die Architektur erarbeitet.

Wohnbau in Wien

Der Wiener Wohnbau ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Einerseits aufgrund der international vorbildlichen Förderung durch die öffentliche Hand, auf der anderen Seite aber auch durch den enormen Bedarf an zusätzlichem Wohnraum, mit dem sich die Stadtentwicklung in den kommenden Jahren konfrontiert sieht. So soll die Bevölkerung der Bundeshauptstadt bis zum Jahr 2050 um rund 25 Prozent – von derzeit rund 1,7 Millionen auf insgesamt 2,1 Millionen Einwohner – wachsen.

„Der zusätzliche Wohnraum kann nicht nur in den Villenvierteln oder an den Stadträndern entstehen. Wir brauchen dringend innerstädtische (Nach)Verdichtung. Die Erweiterung durch Aufstockung in Holz- und Trockenbauweise bietet dazu hervorragende Möglichkeiten“, erklärt Jens Koch, Bereichsleiter Holzbau & Architektur bei Rigips Austria, der aktiv im Forschungsprojekt Attic Adapt mitgearbeitet hat.

Sommertauglich

Ein zentrales Thema, mit dem sich die Studienautoren beschäftigten, ist der Komfort und die Behaglichkeit der Wohnräume während der sommerlichen Hitzeperioden, die vor allem im städtischen Mikroklima und vor dem Hintergrund des Klimawandels in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen werden. Für die Veröffentlichung wurde die hinsichtlich Sommertauglichkeit kritischere Variante des eingeschoßigen Dachausbaus herangezogen. Analysiert wurden drei typische Wohnräume – zwei davon nach Süden hin ausgerichtet und ohne Möglichkeit zur Querlüftung, mit teilweise großen Fassaden- und Dachöffnungen, sowie ein Zimmer mit Nord-Süd-Ausrichtung und Querlüftungsmöglichkeit. Ziel der thermischen Gebäudesimulation war es, den Optimierungsbedarf hinsichtlich des sommerlichen Überhitzungsschutzes zu analysieren. Ausgewertet wurden dabei verschiedene Verschattungskonzepte, auch in Kombination mit einem „Phase Change Material“ (PCM). Dabei wurde die Alba®balance PCM Vollgipsplatte von Rigips herangezogen. Diese Vollgipsplatten verfügen über integrierte Paraffinkügelchen als Latentwärmespeicher, der bei steigender Temperatur für eine natürliche Kühlung sorgt und diese gespeicherte Wärme beim Absinken der Temperatur wieder freigeben kann.

Solide Basis

Dass sich Wohnbauten aus der Nachkriegszeit unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit besonders gut für die Aufstockung eignen, liegt vor allem an den für sie idealtypischen, standardisierten Layouts und der Zellenbauweise. Bauland war in der Nachkriegszeit vergleichsweise günstig, sodass die Abstands-Grünflächen zwischen den Gebäuden besonders großzügig bemessen wurden und die Bebauungsdichte entsprechend gering ausfiel. Ideale Voraussetzungen für die Nachverdichtung. Da diese Erweiterung in der Regel fast ausschließlich bei gleichzeitiger Nutzung des Bestandes erfolgt, muss die Bauzeit möglichst kurz gehalten werden. Aufgrund der vorgegebenen Strukturen ist diese Anforderung in den Gebäuden der Nachkriegszeit mit standardisierten Planungen und einem hohen Vorfertigungsgrad der Bauteile vergleichsweise einfach zu erfüllen. Die längere Planungs- und Vorbereitungsphase kann durch die überdeutliche Verkürzung der Montagezeiten vor Ort mehr als wettgemacht werden: Bei eingeschoßigen Dachausbauten rechnen die Experten mit vier Wochen längerer Planungszeit, dafür aber acht Wochen kürzerer Bauphase. Beim zweigeschoßigen Dachausbau ist die Zeitersparnis auf der Baustelle noch größer: Die Experten kalkulieren die Vorbereitungszeit mit zusätzlichen fünf Wochen, erwarten aber eine Reduktion der Bauzeit von 16 auf sechs Wochen.

„Aufgrund des Alters der Gebäude sind in den kommenden Jahren ohnehin weitreichende Sanierungsmaßnahmen erforderlich. Die vorliegende Untersuchung zeigt, wie sinnvoll eine gleichzeitige Erweiterung ist“, so Koch.